Medusa (2021)

Medusa (2021)

  1. 127 Minuten

Filmkritik: Meh schaffe, weniger bätte!

18. Zurich Film Festival 2022
Am Tag ein Engel…
Am Tag ein Engel… © Zurich Film Festival

Mariana (Mari Oliveira) ist ein ganz normaler Teenager. Sie ist strenggläubig und verbringt ihre Freizeit in einer von Pastor Guilherme (Thiago Fragoso) geleiteten, sektenähnlichen Freikirche, in der sie auch im Mädchenchor singt. Diese Mädchen um Michele (Lara Tremouroux) sind - neben Jesus natürlich - ihr Ein und Alles. Nachts zieht die Clique maskiert durch die Stadt, um Ungläubige oder ihrer Definition nach unmoralische Menschen zu bekehren. Dabei wenden sie neben Mobbing auch Gewalt an, filmen die meist weiblichen Opfer dabei und stellen die Aufnahmen ins Internet. Die jungen Männer der Freikirche sind als Elite-Kampftruppe formiert und bestrafen Fehlgeleitete mit brachialer Gewalt.

…in der Nacht ein Dämon!
…in der Nacht ein Dämon! © Zurich Film Festival

Bei einer nächtlichen Säuberungsaktion wird Mariana im Gesicht verletzt, verliert deshalb ihren Job in einer Schönheitsklinik und leidet fortan unter seltsamen, unheiligen Alpträumen. Michele stachelt sie an, eine Frau ausfindig zu machen, die wegen sündhafter Verhaltensweisen entstellt wurde und untergetaucht ist. Darauf beginnt Mariana eine neue Anstellung in einer Klinik für Menschen im Koma. Mehr und mehr beginnt sie, ihren Glauben und die wenig emanzipierten Ansichten und Haltungen ihrer Gemeinschaft zu hinterfragen.

Medusa ist eine experimentelle Satire auf den Umgang der Bevölkerung und der Staatsmacht mit Religion, die Rolle der Frau und die politisch schwierige Situation in Brasilien. Dabei pendelt der Film munter zwischen absurd und unsinnig hin und her und lässt sehr viel Raum für eigene Interpretationen. Da schüttelt das Publikum mehr als nur einmal den Kopf ab den vielen skurrilen Übertreibungen.

Die Religion ist ein ewiger Streit- und Konfliktpunkt. Die Frage, welche denn nun die «richtige» sei oder ob es sie überhaupt brauche, spaltet die Menschheit seit jeher. Fundamentaler Extremismus existiert dabei in sämtlichen Religionen. Die Regisseurin Anita Rocha da Silveira beschäftigt sich in Medusa mit einem sektenähnlichen Jesus-Kult in Brasiliens Christentum.

Dieser Kult wird äusserst überspitzt dargestellt: Die jungen Frauen tanzen und singen engelsgleich für Jesus, die Männer führen eine Kampftruppe für eine sündenfreie Welt an. Getreu dem Motto «Was nicht christlich ist, wird christlich gemacht» wird Gewalt und Abscheu legitimiert, um vom Glauben abgekommene Menschen zu bekehren.

Ob nächtliche Rachefeldzüge oder als sittenpolizeilich getarnte Gewaltexzesse: Die Religiosität wird als Satire verpackt, lässt aber doch sehr viel ikonografischen Interpretationsspielraum. Stellt ein nacktes Erwachen im einem Wald Eva im Garten Eden dar? Und könnten dargestellte Sündenfälle womöglich gar die biblische Erbsünde darstellen, die zur unheilvollen Veränderung führte? Medusa macht in diesem Fall keine klaren Aussagen zu den vielen Andeutungen, bleibt mystisch und geheimniskrämerisch.

Dabei fällt der Film durch viele Einfälle auf, die er allerdings zu wenig erläutert. Ein wirres Erzählsystem wirft viel mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Dämonen und angeteaste (furchtbar skurrile) Exorzismen, Maskierungen, und Geschichtsteile, die überhaupt keinen Sinn mehr ergeben oder plötzlich ganz vergessen werden, erschweren die Glaubhaftigkeit markant. Ein weiterer Ansatzpunkt wäre, Medusa als emanzipatorischen Akt in Brasiliens Patriarchat zu sehen. Aber dafür spielt die Religion dann doch eine zu grosse Rolle. Auch die titelgebende Figur der Medusa eröffnet weiteren Raum für Spekulationen.

Bereits eine Genre-Zuschreibung für den Film ist beinahe unmöglich zu finden: Für eine Satire ist er zu wenig pointiert, für einen Horrorfilm zu wenig gruselig, für ein Drama zu seltsam. Am ehesten trifft wohl die Bezeichnung religionsfanatischer Experimentalfilm zu.

Medusa ist zudem ein richtiger Slow-Burn, der mit sehr langen Einstellungen und wenig Erzähltempo auskommen muss. Bei einer Laufzeit von 127 Minuten fällt dies irgendwann ins Gewicht. Da mögen schöne Neon-Optiken und ein elektronischer, beinahe pulsierender Soundtrack nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film zu wenig unterhaltsam ist und eine zu geringe Aussagekraft generiert.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:43