Mass (2021)

Mass (2021)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Der Anti-Carnage

37th Sundance Film Festival
© photo by Ryan Jackson-Healy

Auf Anraten von Psychologen und Anwälten trifft sich das Ehepaar Jay (Jason Isaacs) und Gail (Martha Plimpton) sechs Jahre nach einem Amoklauf an einer Schule mit dem Elternpaar Linda (Ann Dowd) und Richard (Reed Birney). Als Treffpunkt wurde ein kleiner Raum innerhalb einer Kirche vereinbart. Beiden Paaren fällt es jedoch schwer, einander gegenüberzutreten. Denn bei den schrecklichen Ereignissen vor sechs Jahren war Jay und Gails Sohn Evan ein Opfer von Lindas und Richards Sohn Hayden, der in der Schule mehrere Leute umgebracht hat - und an dem Tag ebenfalls ums Leben gekommen ist.

© photo by Ryan Jackson-Healy

Obwohl alle Parteien angewiesen wurden, aus dem Treffen kein Verhör zu machen, dauert es nicht lange, bis Jay und Gail mehr über die Hintergründe erfahren möchten. Wie konnte das nur geschehen und wo wurden auf Lindas und Richard Seite Fehler gemacht, dass aus Hayden ein solches Monster wurde, das wahllos Leute in einer Schule erschoss?

Mass ist ein beklemmendes und unangenehmes Drama um Schuld, Ohnmacht und Vergebung nach einem Amoklauf. Der Film besitzt von Anfang an eine Grundintensität, da neben Eltern eines Opfers auch die Erzieher des Täters an dem Tisch sitzen. Regiedebütant Fran Kranz inszeniert dies mit der nötigen Sorgfalt und Ruhe und kann sich bei seinem starken Kammerspiel auf vier grandiose Darsteller verlassen.

Zwei Elternpaare treffen sich wegen ihren Kindern zu einer Aussprache. Das klingt ja ein wenig nach Roman Polanskis Theaterstück-Adaption Carnage, in dem sich ein All-Star-Cast (Kate Winslet, Jodie Foster, John C. Reilly und Christoph Waltz) auf äusserst amüsante Art und Weise verbal jede Menge Saures gegeben hat. Der Auslöser der Streiterei war dabei ein Vorfall, bei dem ein Kind einem anderen mit einem Stock einen Zahn ausgeschlagen hat. Mass könnte man im Vergleich dazu nun als die ernste Variante davon bezeichnen. Zu lachen gibt es hier nämlich nullkommagarnichts. Denn anstatt eines Stockes kamen beim Grund für dieses Elterntreffen Schusswaffen und Bomben zum Einsatz.

Das Regiedebüt von Fran Kranz - er spielte den Kiffer in Drew Goddards Horrorspass Cabin in the Woods - geht sehr behutsam mit dem Thema um und nimmt keine Abkürzungen. Wir erleben dieses nicht einfache Zusammenkommen der Eltern von Opfer und Täter/Opfer fast in Echtzeit. Die unbeholfenen ersten Schritte wie der Versuch von Small Talk wird dabei eben so wenig ausgespart wie Anschuldigungen und Wutausbrüche. Das ist immer wieder äusserst unangenehm zum Anschauen, da wir alle wissen, dass die vier Leute eigentlich gar nicht miteinander im selben Raum sein wollen. Wir warten angespannt darauf, bis es laut wird.

Doch wieso sollte man sich das als Zuschauer überhaupt antun? Zum einen ist Mass sensationell gespielt. Martha Plimpton, Jason Isaacs, Reed Birney und Ann Dowd sind grossartig in ihren Rollen. Sehenswert ist der Film aber auch, weil er Sachen angeht, die man am liebsten ausblenden würde und Fragen stellt, die man am liebsten gar nie hören möchte. Wieso passieren Amokläufe immer wieder? Wo wurden Sachen falsch gemacht? In Mass geht es um die Ohnmacht, keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen zu finden, wie aber auch um Schuldzuweisungen und um Vergebung. Das ist beklemmend, aber während den fast zwei Stunden in seiner Intensität immer sehenswert.

Da ist es etwas schade, dass Kranz dann irgendwann beginnt mit dem Bildformat herumzuspielen - die schwarzen Balken oben und unten werden in der zweiten Hälfte immer dicker. Der Versuch so Klaustrophobie zu vermitteln ist unnötig, da die Handlung selbst schon genug stark ist und keine Unterstützung benötigt hätte. Auch vertrödelt der Film zu Beginn eine halbe Ewigkeit mit Kirchenmitarbeitern, die für die eigentliche Geschichte kaum von Belang sind. Doch ansonsten ist dies ein starkes Regiedebüt, welches Kranz als neue interessante Stimme vorstellt.

Chris Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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