Lynx (2021)

Lynx (2021)

Luchs

Filmkritik: Fiat Luchs!

Luchsusprobleme
Luchsusprobleme © JMH

Seltsam klingt er, der Ruf des Luchskaters. Wie auch immer, seinem Gegenüber scheint er jedenfalls zu gefallen. Im Jura treffen sich für einige Augenblicke ein Weibchen und ein Männchen, dann gehen sie wieder auseinander. Monate kann es dauern, bis sie sich wieder treffen. Während er weiterhin entlang den Grenzen seines Reviers patrouilliert, das gut und gerne so gross wird wie der Vierwaldstättersee, sucht sie einen störungsfreien Ort, um ihre Jungen aufzuziehen.

Abbiegen nach rechts oder lynx?
Abbiegen nach rechts oder lynx? © JMH

Die Kleinkatze, die im Westeuropa des 19. Jahrhunderts ausgerottet war, findet in der Schweiz wieder eine Heimat. 150 Tiere leben heute in den Bergen des Jura, an deren Fersen sich Laurent Geslin geheftet hat. Besonders einen hat der Tierfilmer und -fotograf im Visier und er kennt die Stellen, die das scheue, äusserst schwierig zu beobachtende Tier regelmässig passiert. Dieses Wissen ist allerdings ohne Gewähr, denn mitunter verschwindet das «Phantom der Wälder» für einige Monate - und taucht dann plötzlich wieder auf. Jahrelang ist Geslin dieser Spezies schon auf der Spur, doch erst jetzt beginne er, den Luchs richtig zu verstehen.

Der Luchs ist zwar roter Faden in dieser Augenweide von einem Film, doch die Dramaturgie wirkt nie erzwungen, im Gegenteil wird die Zufälligkeit von Naturbeobachtungen geschickt inszeniert. Geslin lässt die wunderbaren Bilder für sich sprechen, die uns ganz nahe an ein Wildtier führt, das im Schatten des laut debattierten Wolfs steht - wohl zu seinem Glück.

Sogenannte «Raubtiere» haben in der Schweiz keinen leichten Stand, insbesondere am Symboliküberladenen Wolf scheiden sich die Geister, verhärten sich die Fronten. Sie kämen dem Menschen zu nahe und müssten deswegen konsequent getötet werden, heisst es, während die Gegenseite davon überzeugt ist, dass er eine entscheidende Rolle im ökologischen Gleichgewicht einnehme und wenn hier wer jemandem zu nahe trete, dann wir ihm. Während der Wolf am Pranger steht, bezieht fast schon unbemerkt eine weitere Art in unseren Wäldern wieder seine alte Heimat: der Luchs.

Jahrelang war Regisseur Geslin ihm auf der Spur, um sich mit äusserst unwahrscheinlichen Begegnungen mit dem scheuen Waldbewohner zu belohnen. Diese Ausdauerübung des Naturfilmers ist spürbar. Nicht etwa, weil der Film anstrengend wäre - im Gegenteil, er ist äusserst spannungsvoll -, sondern, weil es ihm nicht darum geht, eine möglichst ausgefeilte Story zu servieren. Zwar erzählt er eine erlebte Geschichte mit anderen Bildern nach, doch die Demut und die Bescheidenheit gegenüber seinem Sujet dringt in jeder Sekunde durch. Wir sind selbst und ohne Ansprüche gegenüber der Natur mit dabei auf der Pirsch im Wald und bekommen eben das, was uns da geschenkt wird.

Und was sind das für Geschenke! Da huscht eine Waldschnepfe mit ihren Jungen durchs Unterholz, dort lugen Sperlingskäuze drollig aus dem Stamm hervor, hier flitzt ein Hermelin durch den Schnee - ein Wildtierhighlight jagt in diesem faunistischen Panoptikum das nächste. Und dazwischen immer wieder der in freier Wildbahn abgelichtete, elegante Einzelgänger, der allen Widrigkeiten tapfer trotzt, die ihm das Wetter, seine Beutetiere und der Mensch auferlegen.

In die Beziehung zwischen Mensch und Luchs gibt Geslin auch Einblicke. Er reiht aber keineswegs Fakten aneinander, sondern ergründet das gesamte Wildtierporträt vornehmlich mit Beobachtungen. Dabei zeigt sich, dass die Natur nicht nur ein schöner Ort ist, doch in diesen teilweise berauschend schönen Bildern, die von einer wehmütig-verheissungsvollen Musik getragen werden, wird die Faszination Luchs spürbar. So etwas täte dem Wolf auch gut.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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