Luzifer (2021)

Luzifer (2021)

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  2. 103 Minuten

Filmkritik: Auf der Alm da gibt's koa Sünd

Locarno 2021
The Eagle has landed.
The Eagle has landed. © Studio / Produzent

Johannes (Franz Rogowski) lebt selbstversorgend mit seiner Mutter Maria (Susanne Jensen) auf einer Alp. Bis auf einen schwerhörigen Eremiten, der ihnen ab und Benzin bringt, haben sie keinen Kontakt zur Aussenwelt. Die beiden bilden eine Art Zwei-Personen-Sekte. Gottesfürchtig beten die tätowierte Frau und der junge Mann mit dem Gemüt eines Kindes Kreuze und Jesusfiguren an und fürchten sich gemeinsam vor dem Teufel.

Wenn die Mutter mit dem Sohne...
Wenn die Mutter mit dem Sohne... © Studio / Produzent

Als ein Skigebiet erstellt werden soll, droht die selbstbestimmte Idylle zerstört zu werden. Die ersten Bäume in der Nähe werden zur Rodung orange gekennzeichnet und Landvermesser schicken ihre Drohnen in den Luftraum über Johannes' Hütte. Maria wehrt sich vehement gegen alle Kaufangebote für ihr Land. Und Johannes hat Angst vor den blinkenden Flugobjekten, die so ganz anders sind als der zahme Adler, mit dem er sonst Kapriolen in der Luft vollbringt.

Ein wilder Alpentrip vom Österreicher Peter Brunner. Das Weirdo-Kino, für das seine Förderer bekannt sind (Ulrich Seidl hat den Film produziert, Michael Haneke hat Brunner ausgebildet) wird von Brunner visuell auf eine richtig schmucke Stufe gebracht. In seiner Konsequenz gnadenlos und mit sehr verstörenden Protagonistinnen und Protagonisten, bläst einen den Film weg wie starker Fön.

Franz Rogowski scheint für Rollen als manisches Kind im Manne geboren. Bekannt aus Viktoria, In den Gängen und einer Reihe von Christian-Petzold-Filmen, kann er in Luzifer sein Talent ausleben und ohne viel Worte den Psycho-Kasper spielen. Die Laiendarstellerin Sabine Jensen - ein Mensch, der im realen Leben eine zumindest ähnliche Vorgeschichte erlebte - fällt neben dem Profi nicht ab in ihrer provokanten Rolle einer religiösen Eiferin. Nie geraten die beiden in Gefahr, ihre Figuren zu Karikaturen werden zu lassen, trotz der ihnen innewohnenden Antipathie. Und erstaunlicherweise soll die Geschichte auch noch auf einem wahren Fall beruhen.

Der Charme der Landschaft steht im Kontrast zu den verstörenden Protagonisten. Brunner schafft teils Bilder, die an Alejandro G. Iñárritus The Revenant erinnern. Die Tiroler Berge sind schön und finster zugleich. Gegenüber der Alp von Johannes prangt ein Höhlenloch, das aussieht wie eine Vagina und bedrohlich wie Saurons Auge blinzelt. Auch der alles fressenden Schneesport-Industrie werden die Kanten geschliffen.

Luzifer ist die perverse österreichische Schwester der Sennentuntschi-Sage. Zwar wird die Vorgeschichte der Einsiedler etwas zu plump verbal ausformuliert, und das sexuelle Erwachen des geistig minderbemittelten Johannes muss als unnützer Tabubruch herhalten. Auch die Figur einer Tierärztin hätte es ebenso wenig gebaucht wie die Totgeburt eines Kälbleins, die den Wahnsinn im Film strapaziert. Aber der Alpenhorror, der definitiv nichts für zarte Gemüter ist, hebt ab wie eine Drohne.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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