Lingui (2021)

Lingui (2021)

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  2. 87 Minuten

Filmkritik: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

74e Festival de Cannes 2021
© Pili Films

Die alleinerziehende Amina (Achouackh Abakar Souleymane) lebt mit ihrer 15-jährigen Tochter Maria (Rihane Khalil Alio) ausserhalb von N'djamena im afrikanischen Land Tschad. Ihren Lebensunterhalt verdient Amina, indem sie Drähte aus alten Lastwagenreifen herausschneidet und mit diesen dann Holzbrennkörbe flechtet. Das grosse Geld macht sie dabei nicht, aber zum Leben reicht es, sodass Maria auch nicht wirklich auf ihren Nachbarn Brahim (Youssouf Djaoro) angewiesen ist, der ihr schon seit längerem Avancen macht.

© Pili Films

Eines Tages kommt Maria von der Schule nach Hause und Amina merkt, dass etwas nicht stimmt. Die Schulleiterin klärt dann wenig später auf: Maria ist von der Schule geflogen, weil sie schwanger ist. Da Amina fürchtet, dass ihrer Tochter ein ähnlich hartes Leben wie ihr droht, vereinbaren sie, das Kind abzutreiben. Doch dies ist leichter gesagt als getan im islamistisch geprägten Teil von Tschad, wo die beiden Frauen leben. Da Ärzten bei der Durchführung einer Abtreibung Gefängnis und ein Lizenzentzug droht, müssen Maria und Amina Hilfe ausserhalb des Gesundheitssystems suchen.

Das afrikanische Abtreibungsdrama Lingui ist weder packend noch gross aufwühlend, sondern in erster Linie recht dröge. Das Ganze erinnert von der Inszenierung und von den schauspielerischen Leistungen her mehr an eine Soap-Opera als an Kino. Ein schwacher Film, der seinem ernsten Thema nicht gerecht wird.

Auf dem Papier hört sich das ja alles recht interessant an: Zwei Frauen kämpfen gegen die Zustände in ihrem Land an, das ihnen nicht wohlgesinnt ist. Eine inspirierende Story, die letzten Endes Vergebung und den Zusammenhalt der im Film gezeigten Frauen feiert. Jedoch spielt bei der Bewertung eines Films nicht nur die Story auf dem Papier eine Rolle, sondern auch die Art, wie diese präsentiert wird. Und hier mag das neuste Werk von Regisseur Mahamat-Saleh Haroun (Grigris) kaum zu überzeugen.

Der Film ist nämlich ziemlich langweilig, da er viele Klischees benutzt, die auch in Hollywoodfilmen gerne kritisiert werden. Dies macht den Film sehr vorhersehbar und aus diesem Grund recht mühsam anzuschauen. Die geschilderte Situation, dass man einer ungewollt Schwangeren nicht helfen kann/darf/will, hätte ja das Potenzial für viel niederschmetterndes Drama. Doch Haroun macht erschreckend wenig daraus, und die Inszenierung ist so dröge und nichtssagend, dass es der Film hauptsächlich wohl wegen seines Produktionskontinents Afrika in den Wettbewerb von Cannes 2021 geschafft hat und nicht wegen der Qualität, die auf der Leinwand zu sehen ist. Die Auflösung gegen Ende, wer denn genau der Vater des Kindes ist, dürfte dann auch die Wenigsten überraschen und erinnert mehr an «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» als an ein ernstzunehmendes Drama.

Viel über Lingui zu schreiben fällt schwer. Dies ist einer jener Schulterzuckfilme, die sehr schnell wieder vergessen sind. Wegen des Themas sollte dies jedoch nicht sein. Diesem wird Mahamat-Saleh Haroun mit seinem ziemlich kaltlassenden Streifen überhaupt nicht gerecht. Letzten Endes versucht der Regisseur so etwas wie Optimismus zu verbreiten und Hoffnung zu geben. Dabei findet er jedoch nicht wirklich die Balance. Es muss nicht jeder Abtreibungsfilm so düster und hoffnungslos wie 4 Months, 3 Weeks & 2 Days sein, aber selbst bei hoffnungsvollen Filmen will man auf Seiten des Publikums dann schon etwas spüren und nicht ständig die Fäden eines ziemlich uninspirierten Drehbuchs sehen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:36