Last Night In Soho (2021)

Last Night In Soho (2021)

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  2. 117 Minuten

Filmkritik: Downtown-Dualitäten

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Big City Girl.
Big City Girl. © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Das Landei Eloise (Thomasin McKenzie) kommt ihrem lange gehegten Traum, Modedesignerin zu werden, entscheidend näher, als sie an einer Londoner Uni aufgenommen wird. Erstmals auf sich allein gestellt, fällt ihr der Umzug in die Metropole nicht leicht. Ihr Zimmergschpänli Jocasta (Synnove Karlsen) ist gemein und auch der freundlichere Kamerad John (Michael Ajao) kann sie nicht zum Studi-Party-Feiern motivieren. Eloise, die lieber für Pop aus den Sechzigern schwärmt als moderne Musik hört, verlässt das Studentenheim bald fluchtartig.

Schau mir in die Augen, Kleiner.
Schau mir in die Augen, Kleiner. © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Unterschlupf findet sie der fast schon antik möblierten Dachwohnung von Miss Collins (Diana Rigg). Dort, mitten im Trendquartier Soho, gibt's sogar noch ein Fixnetz-Telefon, und Eloise kann in Ruhe von den Swinging Sixties träumen. Im Besonderen von Sandie (Anya Taylor-Joy), einem aufstrebendem Gesangstalent, dessen Abenteuer im Nightlife sich so real anfühlen, als wäre Eloise live mittendrin. Eine Inspirationsquelle für Frisur-Ideen und Laufsteg-Kreationen für die Abschlussprüfung ist so gefunden. Aber bald muss Eloise merken, dass es in den Nachtclubs ihrer Träume auch anrüchige Gestalten gibt.

Last Night in Soho düst mit Schmackes in ein knallbuntes Swinging-Sixties-Paralleluniversum, stolpert dann aber über die Schwelle zum Psychothriller. Wenn im Film die Stimmung von Burt Bacharach zu Edgar Wallace wechselt, fehlt's an Thrill und Mörderrate-Spass für die Gruselfans, und die Flower-Power-Generation fragt sich, wo die anfängliche Schlagersause geblieben ist. Aber welches Mädchen möchte nicht im Babydoll des Hipster-Babes Anya Taylor-Joy stecken?

Spätestens nach The Queen's Gambit ist die zartbittere Erscheinung Anya Taylor-Joy prädestiniert für die Rolle der eigensinnigen Talent-Explosion, die weiss, was sie will. Edgar Wright (Baby Driver) besetzt die erste weibliche Hauptfigur in einem seiner Filme bewusst mit der mandeläugigen Blondine. Die andere Hauptrolle geht an die hibelige und noch kindhafte Thomasin McKenzie (Leave no Trace), welche ebenso toll gecastet ist. Ein Tandem, das komplikationslos rollt.

Auch die Schauwerte von Eloises Sehnsüchten sind gegeben: Vom Soundtrack, der passt, über die Kostüme zu den immer bestens choreographierten Nachtclub-Sequenzen. Wright, immer schon ein verkappter Musical-Regisseur, schafft einen neonfarbigen Nightlife-Traum, möchte aber die dunklen Seiten der Partynächte nicht ausblenden. Die Gegensätze eines Ausgehquartiers, egal ob Londoner Soho oder Zürcher Langstrasse, sind ihm ebenso relevant wie die passenden Perücken. Das Nachtleben ist nicht immer Pop, sondern auch mal Grunge. Das übersetzt Wright in einen filmischen Stilmittel-Mix. Die Sitcom in der Designerschule wird bald zum Partyfilm aus der 007-Ära mit Sean-Connery, bald zur Pubnight, bis man am Ende bei den italienischen Gialli-Motiven landet, wie sie ein Dario Argento berühmt machte.

Während der erste Teil knallt, springt der Funken in der zweiten Hälfte aber nicht mehr. Etwas #MeToo, etwas Graue Männer aus Momo und leider etwas gar viel Suspension of Disbelief für die kriminologischen Aspekte des Plots. Der Whodunnit lahmt und die Grusel-Elemente erinnern eher an den KiKa als an den Macher der Zombie-Farce Shaun of the Dead. Diana Rigg, in jungen Jahren selber eine Symbolfigur der britischen Popkultur der Sechzigerjahre, vermag in ihrer allerletzten Rolle nicht mehr richtig zu begeistern. Ganz im Gegensatz zu ihren zwei jungen Nachfolgerinnen Taylor-Joy und McKenzie.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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