Jockey (2021)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Ein letzter Glanzmoment vor Sonnenuntergang

17. Zurich Film Festival 2021
«I'm a poor lonesome cowboy.»
«I'm a poor lonesome cowboy.» © Adolpho Veloso

Jackson (Clifton Collins Jr.) will nicht wahrhaben, dass sich seine Karriere als Jockey dem Ende neigt. Sein Körper wurde durch die Strapazen und einige schwere Unfälle in Mitleidenschaft gezogen und gemäss seinen Ärzten sollte er längst nicht mehr aufs Pferd steigen. Doch trotz seiner physischen Einschränkungen ist sein Kopf zu stur und seine Leidenschaft für den Sport zu gross, um in den Ruhestand zu treten. Als seine Trainerin Ruth (Molly Parker) ihm ein prächtiges neues Pferd präsentiert, verpasst dies Jackson zusätzlichen Motivationsschub. Obwohl die Konkurrenz rundum die junge Generation riesig geworden ist, glaubt Jackson fest daran, mit dem neuen Pferd nochmals an seine grossen Erfolge aus vergangenen Tagen anzuknüpfen.

«Was hat mich eigentlich geritten, dass ich Reiter wurde?»
«Was hat mich eigentlich geritten, dass ich Reiter wurde?» © Adolpho Veloso

Ein besonders ambitionierter Reiter der jungen Generation ist Gabriel (Moises Arias). Und dieser verkompliziert Jackson das Leben nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch im Privatleben. Er behauptet nämlich, Jacksons Sohn zu sein, worauf dieser zunächst abweisend und empört reagiert. Doch während Jackson diese unerwartete Neuigkeit verarbeitet, realisiert er, dass ihm die Beziehung zu Gabriel frischen Lebensschwung geben könnte.

Clint Bentleys Regiedebüt ist ein behutsam inszeniertes, bewegendes Sportdrama, welches den Fokus stark auf die Psyche seines Protagonisten legt und Einblick in die organisatorischen Strukturen des Pferderennsports gewährt. Clifton Collins Jr. spielt seine Hauptrolle überragend und harmoniert dabei unter anderem mit vielen echten Sportlern, die als Laiendarsteller mitwirken. Mit zahlreichen Aufnahmen von Trainingseinheiten bei Sonnenaufgang und -untergang enthält Jockey zudem atemberaubende Bilder. Wer jedoch actionreiche Racing-Szenen erwartet, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

Der erste Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs Clint Bentley ist wohl auch deshalb ein sehr gelungenes Debüt, weil er sehr persönlich ist. Sein Vater war nämlich einst selbst ein Jockey und vieles, was in der Handlung seines Filmes erzählt wird, basiert auf eigenen Beobachtungen oder Ereignissen, von welchen ihm berichtet wurde.

Genauso persönlich, wie der Film für Bentley ist, wirkt er auch auf sein Publikum. Denn der Fokus wird sehr stark auf die Persönlichkeit von Jackson gerichtet, wobei die vielen nahen Einstellungen gar eine gewisse Intimität erzeugen. Jackson ist sowohl eine bewundernswerte als auch eine bemitleidenswerte Figur. Zu bewundern ist er für seine Beharrlichkeit, seinen unbändigen Willen und seinen motivierten Sportlergeist. Zu bemitleiden ist er, weil sein Körper bereits völlig überstrapaziert wurde und er stark unter den Folgen seiner Unfälle leidet.

Seine Physis erlaubt ihm nicht mehr, so zu funktionieren, wie seine Psyche es wünscht. Es ist schockierend zu erfahren, dass sein Beispiel keineswegs aus der Luft gegriffen und auch kein Einzelfall darstellt. In einer bemerkenswerten Szene sitzen mehrere Reiter, verkörpert von echten Sportlern, beisammen und berichten sich gegenseitig von den Verletzungen, die sie durch Unfälle erlitten haben, wobei Knochenbrüche aller Art aufgezählt werden. Das sind harte Kerle und wenn sie ihre Biere trinken und ihre Zigaretten rauchen, verleiht ihnen dies in gewisser Weise auch ein Rockstarimage, ähnlich wie bei den Auto- und Moto-Rennsportlern der älteren Generation.

Clifton Collins Jr. spielt die Rolle der Hauptfigur Jackson phänomenal. Jeder seiner Blicke sagt mehr als Tausend Worte und mit seiner Mimik vermittelt er seine Emotionen richtig stark. Auch Molly Parker und Moises Arias sind die ideale Besetzung für ihre Nebenrollen und harmonieren wunderbar mit Collins.

In visueller Hinsicht sind insbesondere die zahlreichen Aufnahmen bei Sonnenaufgang und -untergang hervorzuheben, welche wahnsinnig schöne Bilder vor orange-getränktem Horizont bieten. Sie resultieren daraus, dass die Trainings jeweils frühmorgens und abends stattfinden und nicht tagsüber bei grosser Hitze.

Was Fans von Sportdramen etwas vermissen dürften, sind spannende Racing-Momente. Der Film enthält zwar zahlreiche Szenen auf der Rennstrecke, jedoch werden auch diese vorwiegend in Gross- und Nahaufnahmen von Jackson dargestellt und nicht in Einstellungen, welche die Duelle während dem Rennen festhalten.

Unweigerlich erinnert Jockey an Chloé Zhaos brillantes Drama The Rider und weist viele Parallelen zu diesem auf. Auch wenn er in narrativer Hinsicht nicht ganz so eine klare Linie verfolgt, bewegt sich der Film auf einem ähnlich hohen Niveau und wer an Zhaos Werk Gefallen gefunden hat, dürfte auch an Jockey seine Freude haben.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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