Je Suis Karl (2021)

Je Suis Karl (2021)

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  2. 126 Minuten

Filmkritik: Da kommt was auf uns zu ...

71. Internationale Filmfestspiele Berlin 2021
Sekte?
Sekte? © Filmcoopi

An einem ganz normalen Tag in Berlin verliert die junge Maxi (Luna Wedler) ihre Mutter und ihre zwei Brüder bei einem Terroranschlag. Eine Paketbombe, die Vater Alex (Milan Peschel) noch eigenhändig in die Wohnung getragen hat, reisst die Familie auseinander. Während Alex sich emotional und physisch immer mehr zurückzieht, weiss Maxi nicht wohin mit ihrer Wut und Trauer. Da gerät sie wenig später an den Studenten Karl (Jannis Niewöhner), welcher der jungen Frau seine Hilfe anbieten möchte.

«Kaut da etwa jemand Kaugummi?»
«Kaut da etwa jemand Kaugummi?» © Filmcoopi

Mit Karl reist Maxi schliesslich nach Prag - Hauptsache raus aus Berlin, wo sie immer wieder an den schrecklichsten Tag ihres Lebens erinnert wird. Doch der Trip zu einem Studententreffen ist nicht etwa nur für Maxis Wohlergehen gedacht. Karl möchte mit Gleichgesinnten Europa verändern - und seine neue Freundin wird ihm dabei unwissentlich behilflich sein. Zu spät scheint diese zu realisieren, an was für Menschen sie geraten ist.

Regisseur Christian Schwochow und Drehbuchautor Thomas Wendrich warnen uns mit dem Holzhammer vor der Gefahr der Neuen Rechten. Subtil geht zwar anders, aber aufgrund des engagierten Spiels der Schweizerin Luna Wedler reisst dies trotzdem mit und dürfte die Wirkung besonders bei einem jungen Publikum nicht verfehlen - und dies ist die Hauptsache, denn diesem gilt es die Augen zu öffnen.

Christian Schwochow hat nach seiner Adaption des oft in Schulen durchgekauten Buches Deutschstunde mit Je Suis Karl erneut einen Film gedreht, der in Klassenzimmern gezeigt werden kann. Doch dies nicht etwa, um den Schülerinnen und Schülern das Lesen von weiteren 600 Seiten zu ersparen. Nein, denn das beunruhigende Drama mit den Shootingstars Luna Wedler und Jannis Niewöhner basiert nicht auf einer bekannten Vorlage. Es würde von Schwochow und Autor Thomas Wendrich erdacht, um Teenager vor den Neuen Rechten zu warnen - und dies scheint in Zeiten, in denen nationalistische Tendenzen in Europa zunehmen, mehr als nur nötig.

Subtil gingen die beiden dabei nicht vor. Immer wieder ist Je Suis Karl äusserst plakativ und überspannt in einem überraschend früh enthüllten Twist den Bogen massiv. Dies ist durchaus beabsichtigt. Die Botschaft soll unmissverständlich vorgetragen werden, sodass keine verschiedenen Interpretationen möglich sind. Auch wenn die porträtierten Figuren hip, cool und mit vielen Followern ausgestattet sind - mit Bomberjacke und Glatze läuft kaum einer herum -, ist ihre Denkweise äusserst gefährlich und mehr als nur verwerflich. Ihre Sprache wirkt dabei direkt aus den sozialen Medien gegriffen («Wollen wir Schafe sein?»), womit der Film noch eine Spur unangenehmer an einen heranrückt.

Die Zuschauer entdecken mit der blauäugigen Maxi diese Welt, wobei Wedler nicht nur wegen ihren blauen Augen wunderbar in diese Rolle passt. Die Zürcherin darf hier die fast ganze Palette menschlicher Emotionen zeigen und geht in ihrem Part der wütenden Traumatisierten völlig auf. Sie kann sich dabei auch auf ihren Leinwandpartner Niewöhner verlassen. Der momentan wohl angesagteste Schauspieler Deutschlands ist in seiner Rolle des Karl dermassen charismatisch, dass es nicht verwundert, dass Maxi seinem Charme erliegt. Das grosse Drama geht dabei von ihr aus, denn als Mensch vor der Leinwand möchte man ihr die ganze Zeit zurufen, dass sie doch endlich mal aufwachen und realisieren soll, was genau abgeht. Die Zuschauerinnen und Zuschaer sind mit ihrer Position im Kinosaal hilflos und sehen auch wegen eines Wissensvorsprungs gegenüber Maxi die bevorstehende Katastrophe kommen.

Doch auch hier sind Schwochow und Wendrich letzten Endes einfach nur konsequent. Im Alltag ist es ja auch so, dass oft viel zu lange einfach zugesehen, statt gehandelt wird. Das ist nicht immer leichte Kost, aber aufgrund Wedlers Spiel aufwühlend und letzten Endes verfehlt der Film sein ziemlich offensichtliches Ziel auch nicht. Besonders mit der letzten Szene unterstreichen die Macher nochmals, dass, sollte es so weitergehen, es bald immer düsterer wird, bis dann auch das letzte Lichtlein Hoffnung irgendwann erlischt. Subtil ist das wie gesagt nicht und viele Kritikerinnen und Kritiker werden den Film deshalb auch genüsslich auseinandernehmen. Aber solange er bei den Jugendlichen einen aufrüttenlden Eindruck hinterlässt, waren das keine zwei verschwendeten Deutschstunden.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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