Invisible Demons (2021)

Invisible Demons (2021)

  1. 70 Minuten

Filmkritik: Dystopie Delhi

17. Zurich Film Festival 2021
Von wegen Wasserverseuchung sei Schaumschlägerei!
Von wegen Wasserverseuchung sei Schaumschlägerei! © TOINEN KATSE OY / MA.JA.DE. FILMPRODUKTIONS GMBH (2021)

«I grew up as an air condition child.» Die Klimaanlage als unverzichtbarer Bestandteil des Alltags sog der 1991 geborene Regisseur Rahul Jain mit der Muttermilch auf. Seine bisherige Lebenszeit erstreckt sich genau über die Dauer, in der sich Indien zur am schnellsten wachsenden Wirtschaftsnation gemausert hat. Was auf dem Papier nach eitel Sonnenschein klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als zappendustere Nacht. Aus dem Fluss Yamuna, der Lebensader Neu-Delhis, beispielsweise konnte man zur Geburtsstunde Jains noch trinken. Heute ist das Wasser kontaminiert - ohne Aussicht auf Besserung.

Die Sonne scheint noch. Immerhin.
Die Sonne scheint noch. Immerhin. © TOINEN KATSE OY / MA.JA.DE. FILMPRODUKTIONS GMBH (2021)

Er kenne Flüsse entweder schwarz oder weiss gefärbt, sagt Jain. Das ist nur eine von vielen Beobachtungen, die ihn dazu anspornte, danach zu fragen, zu welchem Preis Indien sich das Wirtschaftswachstum verdiente. Er macht sich zu deren Beantwortung auf und stösst auf dabei auf eine dystopisch anheimelnde Stadt, deren Bewohner nun mit viel mehr zu kämpfen haben als blosser Armut.

Nonstop surrende Klimaanlagen, verschmutztes Wasser, sich türmender Abfall, krankmachender Smog - und überall verzweifelte Leute. Regisseur Rahul Jain hält schonungslos drauf, wenn es darum geht, die Hauptstadt seines Heimatlandes als Dystopie zu zeigen. Ein Hilferuf aus Indien in sehr düsterer Ästhetik, der ratlos zurücklässt.

Es rumpelt, knistert, dröhnt, faucht und knattert in Neu-Delhi, einem Teil von Dehli, der zweitgrössten Metropolitanregion der Welt. Dazwischen verkündet die Anchorwoman von NDTV im Weltuntergangston eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Rahul Jain (Machines) trägt zweifelsohne dick auf, aber man kann es ihm nicht verübeln, denn die Lage ist ernst. In der südasiatischen Metropole sieht es an gewissen Ecken tatsächlich aus wie im Jahre 1 vor WALL·E.

Je erbarmungloser die Hitzewellen zuschlagen, desto lauter surren die Klimaanlangen. «AC are for the rich», sagt einer. Jene bewegten sich von klimatisiertem Raum zu klimatisiertem Raum - die Lebensbedrohung Luft und Hitze kennen sie daher nur vom Hörensagen. Dass die Bevölkerung gegen die zerstörerischen Seite der Elemente kämpft, ist da noch nicht angekommen.

Selbst das Wasser ist zur Bedrohung umgekippt und treibt die Bevölkerung, ob nun als Fluss oder Niederschlag, weiter ins Elend. Man sieht die in der Dystopie gefangenen Menschen in den verseuchten Wogen zu den Göttern beten und ahnt, dass auch hier wohl eher früher als später das Darwinsche Prinzip seine schrecklichsten Ausprägungen annehmen dürfte.

Eineinhalb Millionen Menschen sterben angeblich verfrüht aufgrund der verseuchten Luft; die Luftqualität ist in Neu-Delhi immer auf Stufe «gefährlich», der Notfall schon längst zum Normalfall geworden. Jain weiss das eindringlich zu vermitteln. Wer seine Bilder sieht, riecht förmlich die Abfallberge, ächzt unter der drückenden Hitze oder schmeckt das giftige Wasser im Gaumen. Die titelgebenden unsichtbaren Dämonen, «poisonous darts piercing our lungs», sind auch nur nahezu unsichtbar zwar, aber diejenige, die sie riefen, sind nicht unsichtbar. Bloss, was tun?

Ratlosigkeit macht sich breit, zumal das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker auf ein Minimum gesunken zu sein scheint. Auch wenn letztere die Luftverschmutzung wohl als Zeichen der Entwicklung des Landes verkaufen würden, hat Jain die richtige Frage schon bereit: «If this is what development looks like, imagine what a world without development would look like.» Antwort darauf gab ihm der Corona-Lockdown: Im März 2020 stieg die Luftqualität in Nordindien massiv, man hörte Vögel singen und sah wieder den Himalaya.

Doch weil die Leute damit auch keine Arbeit mehr hatten, ist man mittlerweile wieder zur ersehnten «Normalität» zurückgekehrt: Delhi versinkt im Smog und zusätzlich zur giftigen Luft gefährdet Corona die Atemwege seiner Bewohner. Jains Film ist aktueller denn je.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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