Les Intranquilles (2021)

Les Intranquilles (2021)

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  2. 117 Minuten

Filmkritik: Mitgehangen, mitgefangen

74e Festival de Cannes 2021
Ein Maler zwischen Wahnsinn und Genie.
Ein Maler zwischen Wahnsinn und Genie. © Stenola Productions

Damien (Damien Bonnard) leidet an einer bipolaren Störung, die in ihm oft einen blinden Aktionismus hervorruft. In seinen rastlosen Schüben malt er eine ganze Reihe neuer Bilder, repariert alles, was ihm in die Hände fällt und schlägt sich die Nächte um die Ohren. Seine Frau Leïla (Leïla Bekhti) bringt ihm viel Verständnis entgegen, doch immer wieder kommt es zu psychischen Zusammenbrüchen, die nicht nur Damiens, sondern auch das Leben des gemeinsamen Sohns in Gefahr bringen. Die Situation bringt alle Familienmitglieder auf ihre eigene Weise zum Anschlag.

«I got your back.»
«I got your back.» © Stenola Productions

Nach einer längeren Phase, während der die Familie sogar einige Tage unbeschwerten Urlaub macht, erleidet Damien einen Rückfall. Obwohl Leila alles versucht, auch ihn mit Gewalt dazu bringen möchte, seine Lithium-Tabletten zu nehmen, wehrt sich Damien und muss zwangshospitalisiert werden. Leila fällt es zunehmend schwer, an die Genesung ihres Mannes zu glauben und verfällt selbst in einen rastlosen Zustand, der sie zwingt, ständig auf der Hut vor gefährlichen Anzeichen im Verhalten von Damien zu sein.

Auch wenn das Thema dieses Familiendramas von Joachim Lafosse sehr interessant und relevant wäre - in der Ausführung fehlt es an Mut. Die extrem unruhige Handkamera soll vermutlich den Gemütszustand des Protagonisten unterstreichen, hat aber zum Resultat, dass er das Bild überfrachtet und den Zugang zum Film versperrt. Sinnvoll wäre es zudem gewesen, mehr Gewicht auf die Figuren der Ehefrau und des Sohnes der Hauptfigur zu legen, um dem Drehbuch mehr Tiefe zu geben.

Der Film möchte die Zuschauer auf einer emotionalen Ebene ergreifen und zieht sie deswegen von Anfang an in eine Bildspirale, dass sich einem schon nach kurzer Zeit der Kopf dreht. Die Rastlosigkeit der Hauptfigur überträgt sich auf die visuelle Form von Les intranquilles, die von einer hypernervösen Handkameraästhetik geprägt ist. Schade, hat der Regisseur nicht mehr darauf vertraut, dass die Fähigkeiten seines Darstellers alleine bereits für eine glaubwürdige Vermittlung des beeinträchtigten Geisteszustandes der Figur gesorgt hätten. Viel wirkungsvoller wäre eine ruhigere oder gar statische Kameraeinstellung gewesen, die dann den Kontrast zur Handlung ermöglicht hätte.

Einen Zugang zu den Charakteren zu finden, fällt nicht leicht. Abgesehen von einigen anrührenden Momenten wie der Szene in der Schulklasse des Jungen oder der befreienden, etwas klischierten Tanzszene mit Leila, bleibt der Film auf Distanz. Auch wenn es schwierig ist, die Dynamiken einer solchen Erkrankung zu verstehen und aufzuzeigen: Lafosse versucht es gar nicht erst. Das ist ein Stückweit eine vertretbare Herangehensweise, doch dann hätte er sich intensiver mit dem Gefühlsleben der anderen Protagonisten auseinandersetzen können. Angedeutet ist die Überforderung der Partnerin, doch bleibt sie immer nur Nebenschauplatz, obwohl genau die Dynamik zwischen den beiden ein grösseres Erzählpotenzial gehabt hätte.

Das Gleiche gilt auch für die Beziehung zwischen Vater und Sohn, die ebenfalls mehr in den Fokus hätte genommen werden können. Hier hätte das Thema durch eine weitere Ebene ergänzt werden können, in der man beispielsweise Gedanken über Vererbung, Vorbelastung und die Konsequenz daraus integriert hätte. Insgesamt enttäuscht der Film leider durch seine Eindimensionalität und erweckt den Eindruck, mehr Gewicht auf formale Spielereien gelegt zu haben, anstatt die durchaus fähigen Darsteller mit einer tiefgründigeren Charakterzeichnung in Szene zu setzen.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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