In the Earth (2021)

In the Earth (2021)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Pandemic-Paranoia on Acid

20. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2021
Wenn der Holzfäller Licht braucht.
Wenn der Holzfäller Licht braucht. © Neon

In einer Welt, die von einer verheerenden Pandemie heimgesucht wird, begibt sich der Wissenschaftler Martin Lowery (Joel Fry) zusammen mit der Parkrangerin Alma (Ellora Torchia) auf eine Exkursion in die britischen Wälder. Ein Grund für die Reise ist das Verschwinden von Dr. Wendle (Hayley Squires), einer alten Arbeitskollegin von Martin. Die Wissenschaftlerin hat sich schon seit Monaten nicht mehr gemeldet und keiner weiss, ob ihre Untersuchungen in den Wäldern Früchte getragen haben.

Ihr Ziel war es herauszufinden, ob und wie die Pflanzenwelt, wie ein riesiges Gehirn, unterirdisch miteinander verbunden ist. Martin und Alma realisieren schnell, dass sie in den Wäldern nicht alleine sind. Sie entdecken merkwürdige Spuren, und eines Nachts werden sie im Schlaf bestohlen und attackiert. Müde und angeschlagen treffen sie am nächsten Tag auf den im Wald lebenden Zach (Reece Shearsmith), der ihnen Schuhe und etwas zum Trinken anbietet.

Was ist beängstigender: die Natur, das Übernatürliche oder der Mensch selbst? In In the Earth zwingt Ben Wheatley die Zuschauer, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Dabei bleibt der Brite seinem Stil und Ton treu. Im unheimlichen und audiovisuell verstörenden Öko-Horrorfilm spielt er raffiniert mit aktuellen Ängsten, vermischt sie mit gängigen blutigen Horroreffekten und viel LSD und lässt sie wie Unkraut in den Zuschauern heranwachsen.

In Zeiten, wo ein Husten oder Niesen mehr Unbehagen auslöst als ein bärtiger Mann mit Axt im Wald, tun sich für Filmemacher ganz neue Türen auf. Öko-Horrorfilme, wie zum Beispiel Long Weekend gab es zwar bereits vor der Corona-Pandemie einige. Der Umgang mit Mutter Natur und was passiert, wenn nicht sorgsam mit ihr umgegangen wird, wurde im Genre auch schon thematisiert. Trotzdem kann heute mit einer Angst gespielt werden, die vor der Pandemie nie so präsent war. Auch der britische Regisseur Ben Wheatley (Kill List) springt auf diesen Zug auf und präsentiert mit In the Earth seine Antwort auf die Pandemie-Paranoia. Gedreht wurde der Film 2020, während des Lockdowns, in nur gerade 15 Tagen.

Wheatley, der mit seinen Filmen immer wieder mit eigenwilligen Ideen überraschte und sich nie in eine Schublade stecken liess, hat auch bei seinem neusten Werk keinen Bock, die Masse anzusprechen. Der Brite schickt die Zuschauer am Anfang zwar auf eine Reise, die ihnen bekannt erscheinen dürfte, driftet dann aber in eine spannende, mystische und wahnsinnige Welt ab, die irgendwo zwischen Annihilation und Climax angesiedelt ist. Die anfänglich gelegte «Classic Horror Movie»-Fährte kombiniert er dann clever mit seinem abgefahrenen Plot, so dass der Schauer auf verschiedenen Ebenen auf die Zuschauer niederprasst. Ob psychedelische Trips, die an Gaspar Noé erinnern, surreale Momente à la Lynch oder toll gemachte Gore-Effekte, die Slasher- und Splatterfans abholen - Wheatley haut einem den Horror um die Ohren, wie es ihm gerade passt.

Die Frage, ob es die Natur oder etwas Übernatürliches ist, das in Wheatleys Wäldern spukt, muss jeder für sich selbst entscheiden, und das ist auch gut so. In the Earth ist ein Erlebnis für die Sinne und soll höchstens zum Nachdenken anregen. Vor allem audiovisuell ist der Film eine Wucht, und obwohl Strobo-Licht-Effekte und der dröhnende Synthie-Drone-Doom von Clint Mansell alleine noch keinen guten Film ausmachen, unterstützen sie die Atmosphäre des Films ungemein. Etwas störend hingegen ist die Kameraarbeit. Gewisse iPhone-Aufnahmen wirken etwas deplatziert und zwischendurch wären etwas weniger Kamera-Experimente mehr gewesen.

Auch wenn Wheatley im dritten Akt den Bogen überspannt und mit einer Überflutung von halluzinogenen Reizen die Bodenhaftung verliert, ist In the Earth ein mehr als interessanter Horrortrip, der nicht nur verschiedene Ängste heraufbeschwört, sondern sie auch sehr intelligent kombiniert.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram
  5. Letterboxd