Ich Ich Ich (2021)

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  2. 84 Minuten

Filmkritik: Ich denke, also sind sie

17. Zurich Film Festival 2021
Die Wohnungsnot spitzt sich zu.
Die Wohnungsnot spitzt sich zu. © Jesse Mazuch

Marie (Elisa Plüss) hat ein Problem: Ihr Freund Julian (Thomas Fränzel) hat ihr einen Heiratsantrag gemacht - und sie hat sich nicht zu einem Ja durchringen können. Dass Julian den Antrag an der Hochzeit seines Bruders vor versammelter Festgesellschaft gemacht hat, macht die Sache auch nicht besser. Die junge Frau braucht eine Auszeit. Sie flüchtet sich aufs Land, um dort zur Ruhe zu kommen und herauszufinden, was sie eigentlich im Leben möchte.

Das Zur-Ruhe-Kommen erweist sich allerdings als schwieriger als erwartet. Denn es herrscht ein konstant lauter Geräuschpegel, weil sie die ganze Zeit ihre Freunde und Familienmitglieder um sich hat, die ihr mit klugen und weniger klugen Ratschlägen zur Seite stehen. Gut, die Freunde und Familienmitglieder sind nicht wirklich physisch präsent, sie sind die Verkörperung ihrer eigenen verwirrten Gedankenwelt. Durchaus real hingegen ist Julian, der sie besuchen kommt, um zu besprechen, wie ihre Beziehung denn nun weitergehen soll. Auch er bringt seine eigene «Denk-Mannschaft» mit. Ob die beiden in diesem Gedanken-Chaos wieder zueinanderfinden?

Eine originelle Grundidee macht noch keinen guten Film. Mit menschgewordenen Gedanken versucht Zora Rux' Debütfilm das Innenleben seiner Figuren auszuloten. Nur ist dieses Innenleben einfach zu öde dargestellt, als das man sich wirklich dafür zu interessieren vermöchte. Hat man aufseiten des Publikums das Gimmick des Filmes mal durchschaut - und das dauert allzu lange nicht -, beginnt sich der Film zu repetieren und schafft es nicht, das Publikum zu überraschen. Ich Ich Ich hat nette Ansätze, scheitert aber letztendlich an seiner laschen Story und den schlecht ausgearbeiteten Charakteren.

Manchmal hat das Schweizerdeutsch einfach die treffenderen Begriffe als das Hochdeutsch. Beispiel gefällig? «Hirnen». Besser als das hochdeutsche Pendant «nachdenken» umschreibt das Verb die negativen Aspekte, die diese an sich doch grundsätzlich fruchtbare Tätigkeit des menschlichen Geistes mit sich bringt. Denn wenn die Gedanken so quälend sind, dass man kaum aus dem Grübeln herauskommt, dann schlägt das eben auf die Gesundheit - man «hirnt», was so viel heisst wie: Man denkt viel sinnlos im Kreis herum und macht sich damit selbst fertig.

Im Debütfilm von Zora Rux gehts nun um genau dieses Hirnen. Und weil dies visuell nicht ganz einfach darzustellen ist - es spielt sich ja schliesslich alles im Kopf ab -, greift die Regisseurin zum Stilmittel, diese wabernden Gedanken in Person von anderen Menschen darzustellen, die ihr ins Gewissen reden. Eine durchaus ansprechende Idee, wenn auch nicht ganz zu Ende gedacht; schliesslich können die eigenen Gedanken nicht immer konkreten Personen aus dem eigenen Umfeld zugeordnet werden.

Trotzdem: Die Idee ist ganz hübsch. Die Umsetzung leider weniger. Zu fantasielos ist das Drehbuch und zu flach der Hauptcharakter der Marie. Das Lebensgefühl einer unentschlossenen jungen Frau der Generation Y setzt beispielsweise The Worst Person In The World - der wie Ich Ich Ich am Zurich Film Festival 2021 lief - viel virtuoser, verspielter und fantasievoller um. Im vorliegenden Film hingegen wiederholt sich die Grundidee wieder und wieder, ohne dass die Geschichte auch nur irgendeinen interessanten Spin erhält.

Einige witzige Einfälle kann der Film für sich verbuchen; wie beispielsweise eine «Intermission» der etwas anderen Art mitten im Film. Solche auflockernden Elemente hätte der Film mehr gebrauchen können, das hätte die an sich sehr dünne Geschichte kaschiert. So hingegen gehen die durcheinander redenden und -knutschenden Gedanken bald nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Publikum auf die Nerven. Der Film übers Hirnen bietet leider so nicht allzu viel Nahrung fürs Hirn. Und fürs Herz schon gar nicht.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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