I Am All Girls (2021)

I Am All Girls (2021)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Kap der nicht so guten Hoffnung

Netflix

Ein Mann joggt im sonnigen Südafrika. Am Strassenrand entdeckt er einen Leichnam, der zur Schau gestellt ist. Bis auf den untersten Knopf ist sein Hemd offen und auf seinem Brustkorb sind die Initialen eines vermissten Mädchens eingeritzt. Das Opfer war der Pädophilie verdächtigt. Bei den Ermittlungen stösst Inspektorin Jodie Snyman (Erica Wessels) auf einschlägige Beweise, die ihr Blut und das ihrer Assistentin Ntombisonke Bapai (Hlubi Mboya) in ihren Adern gefrieren lassen.

Im Laufe der Ermittlungen fällt den beiden Frauen schon sehr bald auf, dass die Grösse dieses Menschenhändlerrings ihre schlimmsten Erwartungen übertrifft und bis hoch in die Politik geht. Die Schlinge zieht sich allmählich zu. Ein Killer bringt einen Verdächtigen nach dem anderen um und Leichen pflastern den Weg der beiden Ermittlerinnen. Jodie Snyman sucht nach einem Video, das das Geständnis eines Kinderschänders enthält. Es würde die Tür der Ermittlungen weit aufschlagen.

Die Ausgangslage der Story ist von Tatsachen inspiriert und verspricht einen rasanten Thriller. Sowohl die Handlung als auch die Darstellung bleiben jedoch fad und langatmig. Nur stellenweise kommt so etwas wie Spannung auf. Die Produktion hat zudem einen sehr heiklen Umgang mit der Selbstjustiz. Das Thema hätte den Stoff für ein Drama mit viel Tiefgang geboten, aber der Film bleibt leider seicht.

Ganz am Anfang kommt der Einblender, dass die Geschichte von wahren Ereignissen inspiriert ist. Das schraubt die Erwartungshaltung und die Spannung hoch, aber die Geschichte will einfach keine Fahrt aufnehmen. Die Darsteller spielen sehr steril, wozu das Drehbuch seinen Teil beiträgt. Die Schauspieler bekommen gar nicht die Möglichkeit, aus sich herauszukommen. Es entsteht der Eindruck, dass es einfach ganz nett ist, in einem so dramatischen Fall zu ermitteln.

Hätte das Darstellerensemble bei einem besseren Drehbuch einen besseren Job gemacht? Es sei dahingestellt. Der Eindruck bleibt, dass die Schauspieler wohl eher zu der dritten Garde gehören. Sie sind engagiert bei der Sache, aber sie haben und geben sich Mühe.

Das Projekt ist leider eine verlorene Gelegenheit. Denn die gute Ausgangslage wäre auf dem Silbertablett serviert gewesen. Die Zuschauer können sich gut mit der Zerrissenheit der Selbstjustiz identifizieren. Ein Zirkel aus Menschen der oberen Zehntausend begehen schändliche Straftaten, aber sie bleiben unbehelligt. Es ist ganz natürlich und menschlich, dass dabei Wut in uns hochkommt. Die Polizei steht für den Rechtsstaat und sie schläft keineswegs. Darf die Polizei den Begriff des Rechtsstaates ausdehnen, wenn es moralisch gerechtfertigt ist? Wie verhält es sich mit der Moral als Instanz?

All diese sehr spannenden Fragen tauchen gelegentlich auf. Der Film kratzt dabei jedoch nur schnell an der Oberfläche und die Story geht danach gleich weiter und schleppt sich vor sich hin. Langeweile hat einen Preis: Sie kostet Zeit.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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