Compartment Number 6 - Hytti nro 6 (2021)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Night Train to Murmansk

74e Festival de Cannes 2021
Cold as ice
Cold as ice © 2021_Sami_Kuokkanen_Aamu_Film_Company

Die finnische Archäologiestudentin Laura (Seidi Haarla) wohnt in Moskau in der noblen Wohnung von Irina (Dinara Drukarova), mit der sie auch eine Liebschaft mit vielen intellektuellen Gesprächen führt. Sie interessiert sich für die jahrhundertealten Petroglyphen im Norden Russlands und plant, diese zu besuchen. Eigentlich hätte sie zusammen mit Irina reisen wollen, doch diese ist verhindert und lässt Laura alleine losziehen.

Lasst mich raus hier!
Lasst mich raus hier! © 2021_Sami_Kuokkanen_Aamu_Film_Company

Im Nachtzug trifft Laura auf Ljoha (Yuriy Borisov), einen jungen Russen. Dieser trinkt gerne und viel, und auch sonst ist er ein rauer, ungehobelter Zeitgenosse, was Laura auch gleich zu spüren bekommt. Da der Zug aber voll besetzt ist, gibt es für sie kein Entrinnen, sie muss sich die Nacht mit dem trinkenden Flegel um die Ohren schlagen. Nach und nach kommen die beiden ins Gespräch, werfen Vorurteile über Bord und müssen feststellen, dass sie mehr gemeinsam haben als anfänglich angenommen.

Das Drama von Juho Kuosmanen, der bereits mit dem unkonventionellen Boxdrama The Happiest Day in the Life of Olli Mäki auf sich aufmerksam machte, besticht durch eine dichte, angespannte Atmosphäre und eine dezente, unaufdringliche Liebesgeschichte - eine Art Roadmovie auf Schienen. Die langsame Erzählweise erfordert hingegen zeitweise einiges an Geduld. So plätschert der Film über weite Strecken still und ruhig vor sich hin.

Das ruhige, bedachte Drama spielt sich zu einem grossen Teil im Zug ab. Wir begleiten dabei die Hauptperson Laura auf ihrer Reise durch Russland nach Murmansk, während der sie ihren suboptimalen Reisepartner kennenlernt. Diese Phase des Films kommt nur schleppend voran, die Handlung gelangt zwischendurch beinahe zum totalen Stillstand, alleine die beklemmende Atmosphäre steht im Vordergrund. Nicht nur das raue russische Klima, sondern auch die anfänglichen charakterlichen Differenzen vermitteln Kälte. Wie sich herausstellen wird, können diese Differenzen doch noch überwunden werden, um einen Fortgang der Story zu bewirken.

Compartment Number 6 lebt von der langsamen Erzählweise, welche sich alle Zeit der Welt lässt, um zu zeigen, wie sehr sich die beiden Hauptcharaktere verabscheuen, um sie dann doch in eine Beziehung zu stellen. Diese Atmosphäre im engen, ruckelnden Zug, wo beinahe kein Platz besteht, sich aus dem Weg zu gehen, wird authentisch übermittelt und weiss durchaus zu gefallen.

Dennoch wünscht man sich, dass die Geschichte voranschreiten möge. Als sie uns diesen Gefallen dann tut, können einige Entscheidungen der Charaktere nicht ganz nachvollziehbar übermittelt werden. Die Zuschauenden tappen im Halbdunkeln, auch was die Hintergrundgeschichte von Ljoha betrifft, über den nur spärlich Informationen gegeben werden. Dem Film fehlt ein wenig der Mut, aus den gewohnten Bahnen auszubrechen.

Optisch können Compartment Number 6 hingegen keine Vorwürfe gemacht werden. Die düsteren Settings im Zug und bei Nacht sind ausreichend ausgeleuchtet, und auch die in Nebelschwaden gehüllten Bilder in Russlands Nordosten nördlich des Polarkreises wissen zu überzeugen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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