Huit Rue de l'Humanite (2021)

Huit Rue de l'Humanite (2021)

  1. 125 Minuten

Filmkritik: Corona-Humor Made in France

Netflix
Irgendwann werde ich Mr. Universum
Irgendwann werde ich Mr. Universum © Netflix

Die Corona-Pandemie macht auch vor Paris nicht Halt, Menschen applaudieren von ihren Balkonen - auch in einem normalen Appartementhaus. Martin (Dany Boon) und seine Frau Claire (Laurence Arné) leben darin mit ihrer Tochter Louna (Rose de Kervenoael). Martin ist extrem ängstlich: Hinter jeder Türklinke vermutet er die Krankheit. Hausmeister Diego (Jorge Calvo) ist die gute Seele des Hauses. Dessen Ehefrau liegt wegen Covid im Krankenhaus. Das pure Gegenteil ist der Hauseigentümer, Tony (Francois Damiens), dessen Frau ihn verlassen hat, weil er immer alles besser weiss, auch in der Pandemie.

Weiche, Geist, weiche!
Weiche, Geist, weiche! © Netflix

Derweil kümmert sich das Paar Agathe (Alison Wheeler) und Samuel (Tom Leeb) vor allem um ihre Follower-Zahlen. Basile (Milo Machado-Graner), der kleine Sohn von Tony, hat sich unsterblich in Louna verliebt, doch die will nichts von ihm wissen. Louise (Liliane Rovère) hat wegen der Pandemie ihre Bar verloren. Der schrullige Doktor Gabriel (Yvan Attal) führt die Covid-Tests bei den Hausbewohnern durch und testet seinen selbst entwickelten Impfstoff immer wieder an kleinen Tieren, die mit der Zeit immer grösser werden.

Huit Rue de l'Humanite ist der Versuch, den unterschiedlichen Umgang der Menschen mit der Pandemie auf witzige Art zu präsentieren. Dabei werden vor allem die etwas ängstlicheren Menschen extrem überzeichnet. Da sprüht der Hauptdarsteller bei sich und seiner Familie die Schuhsohlen mit Desinfektionsmittel voll, nachdem sie auf dem Balkon gewesen sind. Alles Covid-Wissen, Nicht-Wissen und Schein-Wissen in zwei Stunden Komödie verpackt - das passt nicht so wirklich, und vor allem ist der Film viel zu lang.

Dany Boon ist gleichzeitig Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller von Huit Rue de l'humanite, genauso wie schon bei seinem erfolgreichsten Film Bienvenue chez les Ch'tis. Doch im Gegensatz zu diesem Erfolgsfilm fehlt dem aktuellen Film jeglicher Charme.

Die Figur des von Yvan Attal gespielten zerstreuten Professors hätte Potenzial gehabt, doch auch er wird völlig überzeichnet und vor allem nicht sonderlich lustig dargestellt. Die restlichen Charaktere sind grösstenteils eher blass gezeichnet. Alison Wheeler als Agathe singt die ganze Zeit ihren Pandemie-Song, das wird dann irgendwann ziemlich nervtötend. Allgemein ist die (zum Glück) nur spärlich eingesetzte Musik im Film zwar schön, wirkt aber in der Handlung wie ein Fremdkörper.

Fast könnte man meinen, dass die Welt diesen Film genauso wenig braucht wie die Pandemie. Erstaunlicherweise retten aber die Jüngsten den Film wenigstens noch ein bisschen. Denn die beiden Kinderdarsteller von Louna und Basile harmonieren gut, und ihre kleine Geschichte ist ein wohltuender Gegenpart zu dem zu sehr versuchten Lustigsein gewisser anderer Charaktere.

Vielleicht ist aber der zweistündige Film auch nur ein zweistündiges Vehikel, um eine versteckte und vielleicht für manche Menschen auch passende Botschaft zu senden. Claire sagt gleich zu Beginn des Films den Satz: Es ist wichtig zu überleben, aber noch wichtiger, menschlich zu bleiben. Ein sehr erstaunlicher Satz, wenn man sich den Umgang mit der Thematik in diesem Film ansieht.

Dieser Satz und die guten letzten 15 Minuten, obwohl sie von der Tonart her so gar nicht zum Rest des Films passen, sorgen dafür, dass man mit Huit Rue de l'Humanite allenfalls doch noch seinen Frieden machen kann.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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