Holgut (2021)

  1. 73 Minuten

Filmkritik: Schatten aus einer anderen Zeit

52. Visions du Réel 2021
Die Jagd braucht viel Geduld.
Die Jagd braucht viel Geduld. © Visions du Réel 2021

Der jüngere Bruder kommt von der Stadt ins sibirische Hinterland, um mit dem älteren Bruder vor Ort auf eine Expedition zu gehen. Sie machen sich auf die Suche nach einem seltenen Rentier, müssen dafür mit dem Boot weit hinaus fahren und draussen im Zelt übernachten. Auf den grossen Fund warten auch andere ihrer Landesgenossen, die nach Überreste von Mammuts suchen. Finden sie einen Stosszahn, könnten sie auf Anhieb reich werden. Unter ihnen befindet sich auch ein Wissenschaftler, der an einem internationalen Mammut-Klon-Projekt arbeitet.

Der Permafrost schmilzt und verändert das Habitat von Mensch und Tier.
Der Permafrost schmilzt und verändert das Habitat von Mensch und Tier. © Visions du Réel 2021

Die Nächte in Jakutien sind lang. Auch wenn es gerade Sommer ist, fallen die Temperaturen weit unter Null. Die Lebensbedingungen sind hart; die Natur bestimmt, wie man sich zu verhalten hat. Auch wenn die Männer in ihren Zelten etwas näher rücken, bleiben sie weitgehend wortkarg. Die älteren unter ihnen machen sich einen Spass daraus, den jüngeren der beiden Brüder ob seiner Unerfahrenheit zu necken. Ansonsten braucht es viel Geduld für die Jagd, denn die Geister der Vorfahren müssen einem dafür gut gesonnen sein.

Die belgische Regisseurin Liesbeth De Ceulaer erklärt in ihrem Film wenig und geht vielmehr emotional vor. Sie reflektiert die Zeichen des Klimawandels in der heutigen Zeit und fängt eine einzigartige Landschaft mit ruhigen, kontemplativen Bildern ein. Holgut verbindet Abenteuergeschichte mit sozialer Kritik und beeindruckt durch seine Zurückhaltung und Unmittelbarkeit.

Mit ihrem Film dringt die Regisseurin in eine Sphäre vor, die ausschliesslich von Männern geprägt ist und an die Ursprünge der Menschheit, als die Völker alle noch Jäger und Sammler waren, erinnert. Die Protagonisten sind Jakuten, Mitglieder eines der Turkvölker, das in der autonomen Republik Jakutien (oder auch Sacha) lebt. Ihr Lebensraum befindet sich im Wandel und ist unmittelbarer Zeuge der Folgen des Klimawandels. Der Permafrost schmilzt und verändert Fauna wie Flora. An diese Veränderungen passen sich die Einwohner an; selbst können sie sich nicht zur Wehr setzen. Vielleicht lässt sich aber davon profitieren?

Durch das Schmelzen der Eisschicht kommen Überreste längst ausgestorbener Tiere wie Mammuts zum Vorschein. Mit dem Fund eines Stosszahnes können die Jäger viel Geld verdienen. Deswegen brechen sie für längere Expeditionen auf, wie das auch der eine Forscher im Film macht. Er speist seine Motivation zusätzlich aus der Hoffnung, konservierte Zellen von Mammuts zu finden. In Südkorea läuft ein Projekt, das sich das Klonen dieses Tieres zum Ziel gesetzt hat.

De Ceulaer verzichtet bewusst auf den sensationalistischen Teil ihres Themas. Ganz anders als Genesis 2.0 von Christian Frey und Maxim Arbugaev fokussiert sie sich auf einen Schauplatz. Die Dreharbeiten für beide Filme fanden fast zeitgleich statt und Holgut stand im Schatten von Genesis 2.0, weil die Belgierin Schwierigkeiten mit der Förderung hatte, da bereits ein Projekt ähnlichen Themas im Spiel war.

Nur kurze Zeit nacheinander sind nun die Filme erschienen und im direkten Vergleich überzeugt Holgut eindeutig durch eine formale wie inhaltliche Einheitlichkeit, die seinem Gegenstück fehlt. De Ceulaer bringt zudem eine Authentizität und damit Glaubwürdigkeit hervor, an der es Genesis 2.0 ebenfalls mangelt. Indem sie vollständig jede Selbstinszenierung vermeidet, wirkt der nicht prätentiös oder belehrend. Holgut ist nicht auf die Schaffung von Effekten aus, sondern will die Gefühlsebene der Zuschauer durch suggestive Bilder erreichen, die stellenweise dem Reich des Traumes zu entstammen scheinen.

Ein wenig mehr Substanz hätte man sich vielleicht dann doch noch gewünscht, denn der Film lässt vermuten, dass das Grundthema des Menschen als Teil einer sich unwiderruflich verändernden Welt weitere interessante Erzählmotive bieten könnte.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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