A Hero (2021)

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  3. 127 Minuten

Filmkritik: Definitiv kein Superheldenfilm

74e Festival de Cannes 2021
«Geld alleine macht nicht glücklich, mein Sohn. Es muss einem auch gehören.»
«Geld alleine macht nicht glücklich, mein Sohn. Es muss einem auch gehören.» © AmirhosseinShojaei

Weil er seinem ehemaligen Schwager Bahram (Mohsen Tanabandeh) ein Darlehen nicht zurückbezahlen konnte, ist der geschiedene Rahim (Amir Jadidi) vor drei Jahren im Gefängnis gelandet. Als während eines zweitägigen Freigangs Rahims neue Freundin Farkhondeh (Sahar Goldust) auf der Strasse eine verlorengegangene Handtasche findet, lassen sich darin 17 Goldmünzen finden. Mit diesen hätte Rahim immerhin die Chance, einen Teil seiner Schulden abzubezahlen. Doch er entscheidet sich anders und will die Tasche seiner rechtmässigen Besitzerin zurückgeben - jedoch mit einem Hintergedanken.

«Die Tasche verstecke ich besser.»
«Die Tasche verstecke ich besser.» © AmirhosseinShojaei

Rahim hängt kleine Plakate aus, um die Besitzerin zu finden und lässt zur Kontaktaufnahme die Telefonnummer des Gefängnisses abdrucken. Er hofft, dass so die Knastverantwortlichen von seiner selbstlosen Tat erfahren. Der Plan geht auf, und nach äusserst positiver Publicity bietet eine Stiftung sogar an, Geld zu sammeln, damit Rahim seine Schulden abbezahlen kann. Doch wegen ein paar Ungereimtheiten droht alles in sich zusammenzufallen.

Mit A Hero ist Asghar Farhadi erneut ein beklemmendes Drama gelungen, das interessante moralische Fragen stellt und unsere publicitygeile Welt ernsthaft anzweifelt. Nach einem etwas schleppenden Beginn zieht der Regisseur die Schlinge immer mehr um den Hals seines Protagonisten zu und steigert so langsam immer mehr die Spannung.

Der zweifache iranische Oscarpreisträger Asghar Farhadi (ausgezeichnet für A Separation und The Salesman) versteht es wie kein Zweiter, Spannung aus kleinen menschlichen Dramen zu ziehen. Dies gelingt ihm bei A Hero erneut vorzüglich.

Der von Amir Jadidi gespielte «Held» bringt sich dabei teilweise selbst in die missliche Lage. Zwar handelt er grundsätzlich nicht falsch, doch gerät er dadurch in eine Situation, die er länger, je weniger kontrollieren kann. Denn man kann sich zwar schon selbst als Held darstellen, doch was mit diesem Heldenstatus dann passiert, liegt meistens nicht in der eigenen Hand. Zwar versucht Rahim an einem gewissen Punkt die Kontrolle wieder zurückzugewinnen, doch verbessert er seine Lage damit keineswegs - eher das Gegenteil ist der Fall. Da seine Taten alle bis zu einem gewissen Punkt verständlich und logisch sind, entsteht so ein beklemmendes Seherlebnis. Farhadi macht dabei jedoch nicht den Fehler, Rahim als komplett guten Menschen zu zeichnen. Wie alle Figuren in dem Film ist auch er ein Mensch - mit vielen Qualitäten, aber auch mit Fehlern.

Farhadis Film ist dabei auch ein Kommentar auf unsere heutige Gesellschaft, in der der Publicity willen etwas sehr schnell in den Himmel gelobt, aber noch sehr schneller wieder fallengelassen wird. Die Konsequenzen tragen dabei meistens nur jene, die im Mittelpunkt des Interesses stehen und nicht die Personen an der Seite, die nur Vorteile für sich herausziehen. Es mag seltsam klingen, aber dieses iranische Drama erinnert zwischendurch an den Fall Britney Spears.

Dass A Hero dann jedoch nicht ganz mit den besten Werken des Regisseurs mithalten kann, liegt am etwas chaotischen Beginn und den sich in die Länge ziehenden letzten 20 Minuten. Da ist Farhadi unter anderem bei A Separation schneller auf den Punkt gekommen, während er hier zuerst sehr viele Player und Hintergrundstorys auf der Bühne platzieren muss. Das macht den Film etwas unübersichtlich, was jedoch auch Absicht sein kann. Irgendwann weiss ja auch der Protagonist nicht mehr, wo ihm der Kopf steht: wer ihm jetzt genau etwas Böses will, wer ihn gewissenhaft unterstützen möchte oder wer das nur aus egoistischen Motiven macht. Ein ziemliches emotionales und moralisches Durcheinander - und damit so typisch für unsere Welt und Spezies.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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