The Harder They Fall (2021)

The Harder They Fall (2021)

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Filmkritik: Cowbeef

Netflix
Lässt er die Kirche im Dorf?
Lässt er die Kirche im Dorf? © Netflix © 2021

Er trägt die Liebe zwar in seinem Namen, doch in seinem Herzen sinnt er auf blutige Vergeltung: Nat Love (Jonathan Majors) musste als Junge mitansehen, wie Rufus Buck (Idris Elba) seine Eltern umgebracht hat. Ihn selbst hat der Bandit verschont und ihm stattdessen mit einem Messer ein Kreuz in die Stirn geritzt. Nun, mittlerweile erwachsen, erledigt Nat der Reihe nach sämtliche Mitglieder von Bucks früherer Bande. Nur der Boss höchstselbst bleibt übrig, denn dieser ist inzwischen von Sheriff Bass Reeves (Delroy Lindo) dingfest gemacht worden und sitzt im Hochsicherheitsgefängnis seine lebenslange Strafe ab.

Auch Banditen müssen sich an die Maskenpflicht halten.
Auch Banditen müssen sich an die Maskenpflicht halten. © Netflix © 2021

Doch dann befreit eine Bande um Cherokee Bill (LaKeith Stanfield) und Trudy Smith (Regina King) Rufus Beck aus einem Gefängniszug. Es dauert nicht lange, bis Nat Love davon Wind kriegt. Im Städchen Redwood City zeichnet sich bald ein High Noon ab. Auf der einen Seite Rufus Beck mit seinen Verbündeten, auf der Seite eine Gruppe von Outlaws, angeführt von Nat Love und Bass Reves. Auch mit dabei: die schlagkräftige Saloonsängerin Mary Fields (Zazie Beetz), die mit Nat Love eine Art On-Off-Beziehung pflegt. Der Sprengstoff ist also ausgelegt, doch wer zündet den ersten Funken?

Western goes Hiphop! Mit gutem Gespür für Rhythmus verbeugt sich Jaymes Samuel in seinem Langfilm-Debüt The Harder They Fall nicht nur vor Vorbildern wie Sergio Leone und Quentin Tarantino, sondern findet in der Mischung zwischen teilweise fast über-ästhetischen Bildern und fetziger Rapmusik einen eigenen, unverkennbaren Stil. Auch wenn die Story nicht über alle Zweifel erhaben ist und sich der Film in der zweiten Hälfte arg in die Länge zieht, so vermag dieses von Jay-Z produzierte, moderne Western-Crossover doch zu überzeugen. «Fo shizzle!»

Mit seinen blutroten Lettern im Vorspann erinnert The Harder They Fall unweigerlich an «Django»; und zwar sowohl an den Original-Django von 1966 als auch an Tarantinos Neuinterpretation von 2012. Auch im Hinblick auf die Handlung verwendet der Film die klassischen Motive des Italo-Westerns, ist der Held doch ein zynischer Outlaw, der auf Rache sinnt.

Das mag nun nicht besonders originell sein, doch Originalität war auch nicht die grosse Stärke der Vorbilder, zu denen sicher auch Sergio Leones Italowestern wie Once Upon A Time In The West oder The Good The Bad And The Ugly zählen. Gerade diese leben nicht zuletzt vom Zusammenspiel zwischen Bild und Musik. Und in dieser Hinsicht muss sich diese Neuinterpretation nicht verstecken. Statt Mundharmonika-Klänge gibt es hier einfach satte Hip-Hop-Beats; kein Wunder, denn Rapstar Jay-Z hat den Film produziert und auch die Musik dazu beigesteuert.

Er war nicht der einzige gelernte Musiker am Set: Regisseur Jaymes Samuel, auch bekannt unter dem Künstlernamen «The Bullitts» und der jüngere Bruder des Popstars Seal, kommt ursprünglich ebenfalls aus dieser Ecke. Mit The Harder They Fall präsentiert er sein Regiedebüt - mal abgesehen vom knapp einstündigen They Die By Dawn, wo er bereits dem Westerngenre frönte. Zudem hat er auch bei The Great Gatsby mitgearbeitet, einem ähnlich opulent aufbereiteten Ton- und Bilderreigen.

Nicht nur akustisch, auch optisch überzeugt der Film, wenngleich er teilweise etwas gar penetrant auf Hochglanzästhetik macht. Ein wenig wirkt er deshalb auch wie ein überlanges Musikvideo. Genüsslich inszeniert Samuel grimmige Revolverhelden und hat dafür die Crème de la Crème der afroamerikanischen Schauspielerinnen- und Schauspielerriege zusammengetrommelt: Idris Elba, Zazie Beetz, Delroy Lindo, Regina King oder LaKeith Stanfield haben offensichtlich Spass an ihren Badass-Rollen und übertragen diesen Spass auch aufs Publikum. Doch insbesondere der etwas weniger bekannte Jonathan Majors macht in der Hauptrolle des lässigen Racheengels Nat Love eine ausgezeichnete Figur.

So cool das alles inszeniert ist, ein wenig nutzt sich die Masche im 140-minütigen Film dann doch ab. In der zweiten Hälfte nehmen einige langfädige Monologe viel Tempo raus aus dem Film, der so stark vom Tempo lebt. Auch ein etwas an den Haaren herbeigezogner kleiner Schlusstwist wirkt eher bemüht als brillant. Ja, das Storytelling ist nicht die ganz grosse Stärke von The Harder They Fall, doch angesichts der gebotenen Schauwerte ist das verzeihlich. Auch wenn der von Netflix produzierte Film leider nie im Kino laufen wird, lohnt es sich doch, dafür den grösstmöglichen Screen und die bestmögliche Soundanlage zu wählen, um die Kombination von Bild und Musik so richtig fetzen zu lassen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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