Hannes (2021)

Hannes (2021)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Ziemlich beste Freunde?

Beim Komasaufen
Beim Komasaufen © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Moritz (Leonard Scheicher) und Hannes (Johannes Nussbaum) sind unzertrennliche Freunde. Als sich die beiden gerade auf einem Motorradausflug in den Bergen befinden, will Moritz' Maschine nach einem kurzen Halt mal wieder nicht anspringen. Eigentlich hätte er das Teil schon lange in die Reparatur bringen sollen. Nachdem Hannes die Maschine wieder zum Laufen gebracht hat, entscheidet er sich, diese von nun an selbst zu fahren, denn er glaubt, mit dem bockigen Motorrad besser klarzukommen. Wenig später kommt es auf der Strasse zur Katastrophe: Hannes baut ohne Fremdeinwirkung einen Unfall und fällt ins Koma.

Auch beim Komasaufen?
Auch beim Komasaufen? © Studiocanal GmbH / Luis Zeno Kuhn

Moritz ist erschüttert und sieht in sich selbst den Schuldigen - wie auch Hannes' Familie und die gemeinsamen Freunde. Da Moritz ganz fest daran glaubt, dass Hannes irgendwann wieder aus dem Koma erwachen wird, beschliesst er, das Leben seines besten Freundes weiterzuleben. Der arbeitslose junge Mann beginnt so unter anderem bei Hannes' Arbeitsstelle in einem Pflegeheim anzuheuern.

Hannes ist ein nicht sonderlich gut gespielter Klischeehaufen, dessen Humor daneben ist und der sich seine gedachten emotionalen Höhepunkte einfach nicht verdient. Mit dem kruden Mix aus Witz und Dramatik bringt der Film das Kunststück fertig, nicht mal unfreiwillig komisch zu sein.

Mit ihren Eberhofer-Krimiromanen, die auch fleissig verfilmt werden, hat es Rita Falk auch in der Schweiz zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht. Nach dem dritten Eberhofer-Krimi «Schweinskopf al dente» veröffentlichte Falk 2012 ihren ersten Familienroman mit dem Titel «Hannes», der die Geschichte zweier bester Freunde erzählt. In der Hoffnung, hier wohl den nächsten Intouchables in der Hand zu haben, wurde das Buch nun verfilmt. Das Ergebnis ist aber hauptsächlich völlig daneben und unglaubwürdig.

Das beginnt schon damit, dass man sich ab einem gewissen Punkt fragt, wieso Hannes und Moritz überhaupt beste Freunde sind. Es gibt zwar ein tragisches Ereignis in ihrer Vergangenheit. Doch hauptsächlich wird Moritz als Klotz gezeigt, der an Hannes' Bein gekettet ist und allen mit seiner Lethargie auf die Nerven geht. Die Zuschauer fragen sich nach einer Weile auch, wie genau Moritz die Miete zu seiner durchaus schönen Wohnung bezahlen kann. Aber ok, zwischenmenschliche Beziehungen sind ja nicht immer logisch, weshalb man das dem Film einigermassen verzeihen kann. Unverzeihbar ist jedoch, wie gefühlskalt diese eigentlich dramatische Geschichte präsentiert wird. Emotionale Storybeats werden hier nur wörtlich vorgetragen, aber nicht gefühlt. Emotionale Entwicklungen werden nicht gezeigt, sondern jedes Problem löst sich scheinbar wie von selbst.

Beim Versuch, das Ganze mit Humor aufzulockern, vergreift sich der Film zudem auch mehrfach im Ton. Als es ein bisschen Hoffnung für Hannes gibt, küsst Moritz einfach ungefragt eine Krankenpflegerin. Als Moritz seinen besten Freund bei dessen Arbeitsstelle vertritt, liegt sein Fokus nicht auf den Patienten - die auch noch für Lacher herhalten müssen -, sondern geht sein notgeiler Blick zu allererst auf die scharfe Ärztin, mit der er dann auch später prompt im Bett landet. Hallo, wir haben 2021! Diese Art von Sex-Humor gehört in American Pie und nicht in eine Tragikomödie, die ernst genommen werden will. Hat der Film echt wie Moritz einfach Angst vor echten Gefühlen?

Abgeschmeckt wird das alles noch mit weiteren Klischees (natürlich gibt es gleich mehrere Affären!), die für deutsche Filme üblichen Popmusik und ein unnötiges Voice-over. So wird dieser Film über die eigentlich ernsten Themen Vergebung und Schuld zu einem grossen Ärgernis, das immerhin ein paar schöne Landschaftsaufnahmen zu bieten hat. Statt eingeplanter Tränen gibt es aber nur Gleichgültigkeit. Obwohl, das mit den wegbleibenden Tränen ist nicht ganz wahr. Es ist aber halt eine andere Art von Tränen, wenn jemand ständig mit dem Holzhammer auf die Tränendrüsen einzuprügeln versucht.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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