The Guilty (2021)

The Guilty (2021)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Keine Bewegung oder ich telefoniere!

Netflix
Im Rotlichtviertel
Im Rotlichtviertel © Netflix

In Los Angeles wüten heftige Waldbrände. Kein Wunder, dass die Leitungen in der Polizei-Notrufszentrale derzeit heiss laufen. Dort arbeitet auch Joe Baylor (Jake Gyllenhaal), der sonst eigentlich auf den Strassen unterwegs ist, aber wegen eines laufenden Strafverfahrens in den Telefondienst zwischenversetzt wurde - einen Ort, an den er seiner Ansicht nach nicht gehört. Drum geht der eigenbrötlerische Cop weder mit seinen Kollegen noch mit seinen Gesprächspartnern am Telefon besonders zimperlich um.

Nightphoner
Nightphoner © Netflix

Doch dann hat er eine junge Frau namens Emily (Riley Keough) in der Leitung, die - wie er schnell vermutet - von ihrem Partner Henry (Peter Sarsgaard) entführt worden ist. Unter dem Vorwand, ihre kleine Tochter anzurufen, die alleine zuhause wartet, hat sie den Notruf gewählt und kann deshalb nicht frei sprechen, da ihr mutmasslicher Entführer im Auto gleich neben ihr sitzt. Während die Leitung immer wieder unterbrochen wird, setzt Joe alle Hebel in Bewegung, um der jungen Frau und ihrer kleinen Tochter zu helfen. Doch vom Telefon aus ist sein Handlungsspielraum naturgemäss eingeschränkt.

Kann man schauen, muss man nicht. Mit The Guilty präsentiert Regisseur Antoine Fuqua eine Quasi-Eins-zu-Eins-Adaption des gleichnamigen dänischen Originalfilmes aus dem Jahr 2018. Das ist nun nicht besonders originell - aber wenigstens ansprechend umgesetzt. Vor allem Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal überzeugt als Ordnungshüter, der sich in den Fall verbeisst. Sehenswert ist der spannende und nervenaufreibende Thriller also allemal, auch wenn er im Vergleich zum Original keinen wesentlichen Mehrwert bietet.

Braucht's das wirklich? Die Gretchenfrage jedes US-Remakes eines nicht englischsprachigen Filmes lässt sich auch hier stellen. Schliesslich ist das tolle dänische Original von Gustav Möller erst gerade drei Jahre alt. Und es ist auch nicht so, dass die US-Version der Geschichte wesentlich neue Elemente beifügen würde: Die Grundgeschichte inklusive Twist ist mehr oder weniger eins zu eins von der Vorlage übernommen.

Handkehrum ist es auch interessant zu sehen, was Hollywood aus der Vorlage macht, insbesondere da dem Regisseur Antonie Fuqua (The Equalizer, The Magnificent Seven) bislang eher der Ruf eines Actionregisseurs anhaftete. Wie würde er mit einem als Kammerspiel angelegten Filmstoff umgehen? Die Antwort fällt positiv aus: durchaus ansprechend. Zumindest schafft er es, das Original nicht zu «verhunzen», was ja auch nicht jedes US-Remake von sich behaupten kann. Der Film ist genauso spannend und nervenaufreibend und durchaus mit dem richtigen Gespür für Dramaturgie in Szene gesetzt.

Jake Gyllenhaal ist dafür auch ein passender Darsteller, schafft es der Nightcrawler-Star doch wie wenige andere, den schmalen Grat zwischen vollem Einsatz und krankhafter Bessessenheit zu verkörpern. Sein Joe Naylor ist kein sympathischer Zeitgenosse, ein Egoist, der seine Mitmenschen nur dann nett behandelt, wenn er etwas von ihnen will. Gleichzeitig schafft es Gyllenhaal aber auch, ein gewisses Mitgefühl seitens des Publikums zu entlocken. Prominent besetzt ist der Film übrigens auch an der anderen Leitung des Telefons: Während Riley Keough der mutmasslich entführten Emily ihre Stimme leiht, tauchen in Nebenrollen auch bekannte Namen wie Ethan Hawke oder Paul Dano auf.

Etwas unnötig ist die Verlegung der Handlung ins von Waldbränden gezeichnete L.A. Zwar nutzt dies Fuqua, um ein apokalyptisch anmutendes Intro zu inszenieren und macht dadurch die Stressbelastung in der Notrufszentrale noch ein wenig spürbarer. Handkehrum sind die Waldbrände für die Handlung irrelevant und lenken vor allem zu Beginn eher davon ab. Aber immerhin ist es eines der wenigen Alleinstellungsmerkmale gegenüber dem Original. Ein weiteres ist eine Wendung gegen Ende, die jedoch vor allem einem Hollywood-Tabu geschuldet sein dürfte. Spätestens dort dürften all jene triumphieren, die die eingangs gestellte Frage mit «Nein, braucht's nicht!» beantworten. Denn natürlich gilt auch hier: Das Original ist besser.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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