Grosse Freiheit (2021)

Grosse Freiheit (2021)

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  2. 116 Minuten

Filmkritik: Hinter Gittern - Der Männerknast

74e Festival de Cannes 2021
Die Verurteilten
Die Verurteilten © Freibeuterfilm_Rohfilm

Im repressiven Nachkriegsdeutschland wird Hans (Franz Rogowski) wegen seiner Homosexualität immer wieder eingesperrt. Der berüchtigte Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellt, bringt Hans auch nach abgesessener Haftstrafe jeweils schnell wieder zurück ins Gefängnis.

Schnauz = älter
Schnauz = älter © Freibeuterfilm_Rohfilm

Im Knast macht er früh die Bekanntschaft mit Viktor (Georg Friedrich), der wegen Mordes verurteilt wurde. Als sie zu Beginn in der gleichen Zelle landen, verlangt Viktor sofort, dass Hans woanders hinkommt. Doch als Viktor eine eintätowierte Nummer auf Hans' Arm erblickt, hat er Mitleid mit seinem Zellengenossen. Viktor bietet Hans an, dass er die Nummer verschwinden lassen kann, indem er ihm einfachsten Mitteln ein neues Tattoo sticht. Hans willigt ein. Die Jahre vergehen, und während Hans zwischendurch aus dem Knast kommt, landet er früher oder später wieder im Gefängnis - und dabei auch in Viktors Nähe.

Regisseur und Autor Sebastian Meise ist mit Die grosse Freiheit ein berührendes Drama gelungen, das nicht nur den deutschen Paragraphen 175 anklagt. Es zeigt auch auf sehr feinfühlige Weise, wie sich Gefühle und Liebe nicht einfach so einsperren lassen, sondern auch in der trostlostesten Umgebung gedeihen kann. Getragen von dem grossartigen Hauptdarsteller Franz Rogowski, zieht der Film das Publikum richtig hinein und entlässt es am Ende mit einem perfekten Schlusspunkt, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hat.

Es gibt Filme, die haben einfach ein perfektes Ende. Einen Abschluss, der wie die Faust aufs Auge passt und gewissermassen einfach glücklich macht. Man erinnere sich da an die Twists in The Usual Suspects und The Sixth Sense oder an die letzten Worte im deutschen Oscar-Gewinner Das Leben der Anderen. Das deutsche Gefängnisdrama Die grosse Freiheit hat ebenfalls eines dieser perfekten Enden. Dieses entschädigt für ein paar Hänger in der Erzählung, die es dem Publikum nicht immer einfach macht.

Regisseur Sebastian Meise erzählt seinen Film dabei auf drei unterschiedlichen Zeitebenen, welche Hans' Gefängnisaufenthalte in den Jahren 1945, 1957 und 1968 zeigen. Chronologisch werden diese nicht gezeigt, es wird immer wieder bei den Zeiten hin- und hergesprungen. Immerhin kann man sich unter anderem an Hauptdarsteller Franz Rogowskis Gesichtsbehaarung zeitlich etwas orientieren. Doch nicht nur wegen seines Schnauz/Nichtschnauz schaut man genauer auf Rogowski. Der deutsche Shootingstar (In den Gängen, Undine) wirkt mit seinem gestählten Körper und seinen verstohlenen Blicken wie eine Art Magnet. Ihm zuzuschauen, ist äusserst faszinierend, wobei die Hintergrundgeschichte seiner Figur überraschenderweise nie auserzählt wird. Was sein Hans zwischen den Knastzeiten erlebt, bleibt vage. Doch trotzdem scheinen wir nach einer Weile zu wissen, woran wir bei ihm sind.

Die Performance von Rogowski - wie auch von seinem Co-Star Georg Friedrich - hilft auch über ein paar Längen hinweg. Denn so ein Alltag hinter Gittern ist hauptsächlich durch graue Monotonie bestimmt, und ausgebrochen wird in diesem Film nie physisch. Emotional gibt es jedoch einige Ausbrüche, die richtig mitnehmen und uns jedes Mal ein Stückchen näher zu den Charakteren bringen. Es ist ein Film mit vielen kleinen Szenen voller Menschlichkeit und Liebe, aber auch tiefen Schmerz und Hilflosigkeit. Die grosse Freiheit wird so schon vor den grossartigen letzten fünf Minuten zum aufwühlenden und mitreissenden Drama-Kino, das noch eine Zeitlang nachhallen wird.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Deutsch, 01:46