From the Wild Sea (2021)

From the Wild Sea (2021)

  1. 78 Minuten

Filmkritik: The English Patients

17. Zurich Film Festival 2021
Ein Navy Seal?
Ein Navy Seal? © Zurich Film Festival

Es sind seltsame Laute, die die Robben von sich geben. Fast schon menschengleich heulen sie in ihrer nackten Zelle der Auffangstation, wo sie auf medizinische Behandlung oder ihre Freilassung warten. Sie alle sind krank oder verletzt, beispielsweise weil sie sich während eines Unwetters auf die Felsen geflüchtet und dabei verletzt haben. Andere haben sich in einem Stück Fischernetz verfangen, es kommen Schwäne an, die von Erdöl durchtränkt sind.

Im Cornish Sea Sanctuary Cornwall, in der äussersten Ecke Südwestenglands, finden tierische Opfer der immer intensiveren Fischerei, immer stärkeren Verschmutzung des Meeres durch Plastik und des aufgrund des Klimawandels immer heftiger ausfallenden Meeresstürme Erste Hilfe. Die Überlebensschancen der Patienten, darunter Robben, Delfine und verschiedene Vögel, sind zwar gering, dennoch kämpfen die Menschen - darunter eine steigende Anzahl an Freiwilligen - bis aufs Letzte um jedes Leben.

In der Natur ist Robin Petré in ihrem Element. Die dänische Regisseurin hat sich damit und dem menschlichen Bezug zu ihr bereits in ihren früheren Werken (u. a. «Pulse») auseinandergsetzt und sich für diese Dokumentation wie schon in «Wildlife 2030» und «Stream» mit der Kamerfrau María Grazia Goya zusammengetan, um im Winter 2019/20 in England, Irland und den Niederlanden die beeindruckende und hingebungsvolle Arbeit der Meeresttierrettungsdienste zu porträtieren. Es entstand daraus ein sinnlich und emotional intensives Filmerlebnis, das in Erinnerung bleibt.

Als der Frachter vorbeifährt, erzittern die Wände des Kinosaals. Die Schwäne, die im Vordergrund über die sanften Wogen des Nebenkanals schaukeln, scheinen davon nichts zu bemerken. Mitunter mit solchen Impressionen richtet From the Wild Sea den Blick unaufgeregt und zielsicher auf das absurde Verhältnis zwischen der Natur und ihrer Spezies Mensch.

Petré führt teilweise sehr lange, unkommentierte Strecken vor, während derer man zuhört, zuschaut und die karge Landschaft oder die Begebenheiten um die untersuchten oder behandelten Tiere aufsaugen kann. Im Anschluss werden Hintergrundinformationen gespendet; nicht zu viel und nicht zu wenig und sehr unmittelbar.

Man ist hautnah dabei, wenn bei einer Robbe das Gebiss untersucht, Schwänen das Gefieder gesäubert und an einem Delfin Leichenschau durchgeführt wird. Immer lautet die Diagnose für das Leiden: Mensch. Zu der hier durchweg präsenten Winterkälte des Nordens - sogar die rote Wärmelampe wirkt frostig - gesellt sich die verheerende Rücksichtslosigkeit von Homo Sapiens.

Dann folgt eine Szene, die keinen kalt lässt: Man sieht dabei zu, wie eine Robbe um ihr Leben kämpft und schliesslich stirbt. Dass das die Zuschauer zutiefst berührt, zeugt davon, dass es Petré bis dahin geschafft hat, eine Verbindung zwischen Mensch und Tier herzustellen, sogar einen menschlichen Kern in den Robben zu erblicken; etwas, worauf sie auch konzise hinarbeitete, denn es sei ihr wichtig zu zeigen, dass es sich bei keinem Lebewesen um irgendein Tier handelt, sondern sie ist überzeugt: «They are someone».

So kommt durch die Tierärzte und die ehrenamtlichen Mitarbeitenden doch noch viel Wärme in diese Eiseskälte. Und man entwickelt einen riesigen Respekt für diejenigen, die sich tagtäglich dafür einsetzen, einen gigantischen Beitrag für die vielen Individuen zu leisten und mit ihrer Arbeit aufmerksam auf die Zerstörung der Meere, der angeblich «letzten Wildnis», zu machen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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