La fracture (2021)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Not in der Notaufnahme

74e Festival de Cannes 2021
Ausspannen kann man überall, es ist nur eine Frage der Einstellung.
Ausspannen kann man überall, es ist nur eine Frage der Einstellung. © CHAZ Productions

In der Beziehung von Raphaëlle (Valeria Bruni Tedeschi) und Julie (Marina Foïs) ist seit längerem der Wurm drin. Nun soll aber endgültig damit Schluss sein, Julie kann die krankhafte Eifersucht ihrer italienischstämmigen Partnerin einfach nicht länger ertragen. Raphaëlle will dies aber nicht akzeptieren. Als sie nach einer neuerlichen Auseinandersetzung auf den Strassen von Paris ausrutscht, verletzt sie sich am Ellbogen und muss in die Notfallstation eingewiesen werden.

Mit der Tour de France hat sein Maillot jaune definitiv nichts zu tun.
Mit der Tour de France hat sein Maillot jaune definitiv nichts zu tun. © CHAZ Productions

Dort triftt sie auf Yann Caron (Pio Marmaï), einen Anführer der sogenannten Gelbwesten, der an einer Anti-Macron-Demo von der Polizei einen Schuss ins Knie abgekriegt hat. Die beiden sind jedoch nicht die einzigen Patienten in der hoffnungslos überfüllten Krankenstation. Mittendrin im Strudel der Ereignisse ist Krankenpflegerin Kim (Aïssatou Diallo Sagna), die jedoch selbst zunehmend überfordert ist von der Situation. Als schliesslich die eskalierende Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizei auch auf das Spital übergreift, droht die ohnehin angespannte Situation völlig ausser Kontrolle zu geraten.

Welchem Genre soll man diesen Film am besten zuordnen? Wohl am ehsten dem des Sozialdramas. Doch zeigt La fracture auch Szenen, die einem Kriegsfilm entstammen könnten - nur, dass der Streifen nicht während eines Krieges spielt, sondern in der Gegenwart und in unserem westlichen Nachbarland. Mit der rasanten Inszenierung sich überstürzender Ereignisse im Stil von Les misérables gelingt Catherine Corsini eine dichte Momentaufnahme eines Landes in aufgeladener Stimmung. Trotz einiger humoristischer Elemente ist das ein beeindruckendes, aber auch bedrückendes Filmerlebnis.

Es beginnt alles ganz harmlos. Der Anfang von La fracture deutet eher auf eine typisch französische Beziehungskomödie hin: überspannte Charaktere, viel Gequatsche, gepaart mit Situationskomik. Vor allem Valeria Bruni Tedeschi setzt als Raphaëlle nahtlos dort an, wo sie in anderen Filmen wie beispielsweise Un château en Italie aufgehört hat: als neurotisch-überdrehte Dauerquasslerin. Und leider auch als ziemliche Nervensäge.

Erst als sich die Handlung ins Spital verlegt - und für den Rest des Filmes auch dort bleibt -, zeigt sich die eigentliche Absicht des Filmes. Zwar bietet er auch in der Folge durch seine Dialoge immer wieder Lacher, doch verdrängt die atemlose Dramatik zunehmend den Humor. Nun wird der Film von Catherine Corsini zu einem wuchtigen Drama, bei dem die Zuschauenden kaum je zum Durchatmen kommen.

Sinnbildlich ist dabei der Titel: «La fracture» - der Bruch - bezieht sich einerseits auf die Verletzungen der Protagonistinnen und Protagonisten, aber andererseits im übertragenen Sinn auf die zunehmenden Spannungen, die in der französischen Gesellschaft und insbesondere in Paris im letzten Jahrzehnt dramatisch angestiegen sind. Im Rahmen der eskalierenden Gelbwesten-Proteste zeigt der Film die Stadt als ein Pulverfass, wo die nächste Explosion jede Sekunde losgehen kann - selbst im Spital, diesem Ort des Rückzuges, der doch eigentlich für die Heilung und die Betreuung steht.

Diese Analogie vom Spital als Sinnbild für das ganze Land mag ein wenig platt sein, doch umgesetzt ist die Idee stark. Plötzlich erhält die Nervigkeit von Bruni Tedeschis Charakter dramaturgisch einen Sinn, denn sie ist nur einer von unzähligen kleinen, mittleren und grossen Faktoren, durch die die Situation im Spital im Chaos zu enden droht: Bruni Tedeschi sowie Marina Foïs, Pio Marmaï und Aïssatou Diallo Sagna überzeugen inmitten dieser Ansammlung von Verzweifelten, körperlich und seelisch Verletzten, wo selbst die Betreuenden längst selbst Hilfe benötigen würden.

Damit erreicht La fracture in den besten Momenten die Intensität von Les misérables - Abstriche muss Corsinis Film höchstens in der Story machen, die im Gegensatz zum Werk von Ladj Ly etwas weniger packt und gegen Ende ein wenig repetitiv wird. Dennoch beeindruckt der Film und hinterlässt ein flaues Gefühl darüber, was nur wenige hundert Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt gegenwärtig vor sich geht. Ja, das hier präsentierte Frankreich liegt tatsächlich auf der Intensivstation.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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