Fly (2021)

Fly (2021)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Tanzt, tanzt, sonst seid ihr verloren

Oh, diese Haltung gibt aber einen krummen Rücken.
Oh, diese Haltung gibt aber einen krummen Rücken. © Pathé Films

Die 20-jährige Bex (Svenja Jung) sitzt wegen einem von ihr verursachten Verkehrsunfall im Gefängnis. Resozialisierungsprogramme sollen ihr helfen, damit sie sich bei einer Entlassung aus dem Knast wieder ohne Mühe in die Gesellschaft integrieren kann. Doch die rebellische Einzelgängerin zeigt kein grosses Interesse daran. Sie bevorzugt es, alleine gelassen zu werden.

Gestern Abend Party gemacht?
Gestern Abend Party gemacht? © Pathé Films

Ändern könnte dies vielleicht Ava (Jasmin Tabatabai), welche versucht, junge Straftäter mit ihrer Leidenschaft für den Tanz anzustecken. Das Ziel ist es, dass die Einzelgänger zu einem Team werden, das sogar bei Dance-Battles triumphieren kann. Obwohl Bex mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen hat, wird sie bald Teil dieser Truppe und schaut wieder optimistischer in ihre Zukunft. Mit Jay (Ben Wichert) bahnt sich sogar eine Liebesbeziehung an. Doch dann wird Bex von ihrer Vergangenheit eingeholt und droht alles wieder zu verlieren.

Rein von der Story her wird Fly zwar keinen Originalitätspreis gewinnen, doch aufgrund einer starken Hauptdarstellerin und überzeugend choreografierten Ausdruckstänzen besitzt der Film von Katja von Garnier (Bandits) eine unbändige Energie und vor allem auch einen emotionalen Punch, der unerwartet kommt und so zu berühren vermag.

Tanzfilm ist so ein Genre, von dem man immer wieder annimmt, dass es bald verschwinden wird, jedoch alle paar Jahre wieder ein Comeback feiert. Zwar wird es rein vom Impact her wohl nie wieder so etwas wie Dirty Dancing geben, trotzdem sorgten Filme wie Save the Last Dance, Honey und natürlich die unzähligen Step-Ups und Streetdances immer mal wieder Material für Tanzfüdlis. Besonders bei den genannten Franchises wurden die Geschichten dann irgendwann zweitrangig. Es wurde mehr schlecht als recht einfach Verbindungen zwischen den Tanzszenen eingearbeitet und dies dann als «Plot» verkauft.

Der deutsche Beitrag Fly scheint die Sache nun etwas anders angegangen zu sein. Denn die erzählte Geschichte hat einen ordentlichen emotionalen Punch und die Tanzszenen sind nicht nur einfach da, um uns krasse Moves zu zeigen, sondern gehen vor allem in Richtung Ausdruckstanz, was in einigen Szenen fast schon an die 3D-Doku Pina erinnert. Logisch, Tanzen ist oft auch Mittel um sich auszudrücken, doch Fly hat das dramatische Gerüst, damit dies nicht einfach nur reine Behauptung bleibt.

Um ein paar Klischees kommt das Ganze zwar nicht herum, einige Konflikte werden etwas gar schnell aufgelöst und nicht alle Darstellerinnen und Darsteller mögen zu überzeugen - einige von ihnen verdienen ihr Geld eben mit dem Tanzen und nicht mit dem Schauspiel. Doch besonders die durch die RTL-Serie Unter uns bekanntgewordene Svenja Jung ist im Zentrum dermassen stark, dass die schwächeren Darbietungen nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Einzig Katja Riemann erinnert in ihrem Part etwas zu sehr an ihre Rolle in der Fack Ju Göhte-Reihe und wirft so den durchaus ernsten Film immer wieder leicht aus der Bahn.

Aber am Ende werden die meisten eh nur über die Tanzszenen reden - und in dieser Hinsicht muss sich diese deutsche Produktion nicht hinter den US-Kolleginnen verstecken. Besonders die kreativen Location-Ideen - wie eine teils geflutete Gefängniszelle, Museen oder im Warteraum einer Verwaltung - mögen zu überzeugen. Das ganze Gefängnis- und Resozialisierungssetting ist allgemein clever gewählt, sodass die Tagline von Pina, «tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren», auch diesem Film sehr gut gestanden hätte. Denn es geht hier um junge Menschen, die sich freikämpfen/-tanzen müssen - physisch und psychisch. Das ist mitreissend erzählt und vor allem choreografiert, was Fly zu einer kleiner Überraschung des Kinojahres 2021 macht.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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