Flee (2021)

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  3. 83 Minuten

Filmkritik: Auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit

52. Visions du Réel 2021
Schwierig, das Erlebte in Worte zu fassen
Schwierig, das Erlebte in Worte zu fassen © Courtesy of Sundance Institute

Amin ist noch ein Teenager, als sich 1989 die Lage in Afghanistan zuspitzt. Der Vater wird verhaftet und verschwindet danach spurlos. Die Gefahr, dass Amin und sein älterer Bruder in den Kriegsdienst einberufen werden, steigt mit jedem Tag. Schliesslich bleibt nur noch die Flucht als einziger Ausweg. Überstürzt macht sich die Familie auf den Weg nach Moskau, wo der älteste Bruder ihnen eine kleine Wohnung organisiert hat. Doch Moskau ist nur eine Übergangslösung, denn dort sind Schikanen und Korruption an der Tagesordnung. Das eigentliche Ziel ihrer Träume ist Schweden. Doch die Umsetzung des Plans gestaltet sich schwierig, denn die Schlepper verlangen sehr viel Geld.

Der erste Versuch scheitert. Mitten auf dem Meer wird das Boot aufgegriffen und die Familie wieder nach Moskau zurückgeschickt. Diese traumatische Erfahrung lässt sie vorsichtiger werden und sie beginnen zu sparen, um sich eine sichere Flucht leisten zu können. Doch Sicherheit ist teuer, und das angesparte Geld reicht nur für eine Person. Rasch fällt die Wahl auf Amin, der sich nun mit gefälschten Papieren auf den Weg nach Europa macht und schliesslich in Dänemark statt Schweden landet.

Flee erzählt die beeindruckende Geschichte eines Mannes, der es geschafft hat, als Jugendlicher den Kriegswirren seines Heimatlands Afghanistan zu entfliehen und sich in Dänemark ein neues Leben aufzubauen. Regisseur Jonas Poher Rasmussen zeichnet in diesem animierten Dokumentarfilm Amins schwierigen Weg auf eindrückliche Weise nach.

Dass niemand von den eigenen traumatischen Erfahrungen während einer Flucht berichten mag, ist nachvollziehbar. Umso bemerkenswerter ist dieser Film, der es dem Publikum erlaubt, einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt seines Protagonisten zu erhalten. Die animierten Bilder entwickeln eine derartige Kraft, dass sie einen in den Bann ziehen. Das Gespräch zeugt von Empathie und gegenseitigem Vertrauen. Dennoch ist zu jeder Zeit spürbar, wie schwer es Amin fällt, von sich zu erzählen. Bei diesem intimen Gespräch zwischen Filmemacher und Protagonist werden Geheimnisse gelüftet, die bisher unausgesprochen geblieben sind.

Neben der Flucht werden auch Amins Coming-out und die kriselnde Beziehung zu seinem Partner thematisiert. Stück für Stück gibt Amin immer mehr von sich preis, bis am Schluss ein komplettes Persönlichkeitsbild entsteht. Diese schrittweise Enthüllung trägt dazu bei, dass Amins Geschichte auf mehreren Ebenen berührt. Es gibt viele Schwierigkeiten, die er über die Jahre meistern musste - und immer noch muss. Die Stärke des Films liegt darin, dass er seinem Protagonisten den nötigen Raum und die nötige Zeit gibt, um seine Geschichte in dem für ihn passenden Tempo zu erzählen. Dieses Zögern, das zaghafte Herantasten an eine längst begraben geglaubte Vergangenheit ist ohne Zweifel schmerzhaft. Und der Film lässt das Publikum diesen Schmerz erahnen.

Flee ist definitiv keine leichte Kost, überzeugt aber durch eine grosse Portion Sensibilität in der Herangehensweise an das Thema. Entstanden ist ein intimes Porträt eines Mannes, dessen Leben viele Höhen, aber auch unvorstellbare Tiefen aufweist.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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