Flag Day (2021)

Flag Day (2021)

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  2. 109 Minuten

Filmkritik: Liar Liar

74e Festival de Cannes 2021
Kein Bett im Kornfeld.
Kein Bett im Kornfeld. © Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Jennifer Vogel (Dylan Penn) wächst in den Siebzigerjahren bei ihrer alkoholkranken Mutter Patty (Katheryn Winnick) auf, mit der sie sich immer wieder mal aufs Heftigste in die Haare gerät. Auch deshalb vergöttert sie ihren Vater John (Sean Penn), einen charismatischen Lebemann, der seit längerem getrennt von der Familie lebt. Ihre Mutter warnt Dylan zwar immer wieder, er sei ein dreister Lügner. Doch Dylan will das nicht recht glauben, auch wenn sie nicht recht weiss, wie er eigentlich genau seinen Lebensunterhalt verdient.

«War mein letzter Film wirklich so schlecht?»
«War mein letzter Film wirklich so schlecht?» © Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Einige Jahre später eskaliert der Konflikt zwischen Jennifer und ihrer Mutter und sie reisst aus, um mit ihrem Vater zu leben. Als sie diesen findet, ist er gerade in einem etwas abgefuckten Zustand, verspricht ihr jedoch hoch und heilig, sein Leben endlich in den Griff zu kriegen. Tatsächlich scheint es recht gut zu laufen mit Johns Re-Integration ins bürgerliche Leben, er findet sogar einen legalen Job. Leider aber muss Jennifer schon bald schmerzlich feststellen, dass die Warnungen ihrer Mutter nicht von ungefähr gekommen sind.

Family knows best: Nach seinem Flop The Last Face castet Sean Penn nicht nur sich selbst in der Hauptrolle, sondern seine realen Kinder Dylan und Hopper Penn in der Rolle von Tochter und Sohn. Mit dem solide produzierten Film schafft er zumindest mal etwas Distanz zu seinem missratenen Vorgänger. Allerdings leidet Flag Day an eklatanten Storyschwächen und lahmen Dialogen. Und was zum Teufel hat eigentlich Josh Brolin in diesem Film verloren?

Fünf Jahre ist es her, seit sich Sean Penn am Cannes-Filmfestival mit dem hochnotpeinlichen Humanitärendrama The Last Face blamierte. Statt Tränen der Rührung erntete er Tränen des Lachens seitens des Publikums. Man hätte es ihm nicht übelnehmen können, hätte er nach diesem Debakel seinen Fans einfach den Mittelfinger gezeigt. Er will es aber nochmals wissen - und ist mit dem Film sogar noch einmal nach Cannes zurückgekehrt.

Nach so einem Flop kann es eigentlich nur aufwärtsgehen. Und tatsächlich: Sein neuer Film vermeidet zumindest mal die ganz grossen Schnitzer und ist optisch ganz gefällig inszeniert. Flag Day ist die Verfilmung des Buches «Flim-Flam Man: The True Story Of My Father's Counterfeit Life» der Journalistin Jennifer Vogel. Sie ist wiederum die Tochter von John Vogel, der Mitte der Neunzigerjahre als Fälscher von Millionen Dollar Aufsehen erregte und schliesslich nach einer spektakulären Verfolgungsjagd mit der Polizei starb - vor laufenden Fernsehkameras. Nun hat Penn dessen Geschichte verfilmt.

Die Hauptrolle war dabei Chefsache - das erste Mal überhaupt übrigens in einem von Sean Penn selbst inszenierten Film. Er gibt Vogel als notorischen Schwafler, der auch nicht mit dem Lügen aufhört, wenn er damit schon hundertmal übel auf die Schnauze gefallen ist. Eine Paraderolle, müsste man meinen, doch irgendwie wirkt sein John Vogel ein bisschen wie eine Karikatur, was auch an den etwas hölzernen Dialogen liegt. In der Rolle seiner Tochter Jennifer besetzt Penn seine leibliche Tochter Dylan Penn, die ihrem Vater darstellerisch durchaus die Stirn bieten kann, auch wenn sie die etwas undankbare Opfer-Rolle erhalten hat. Noch undankbarer ist die Rolle von Penns zweitem Sohn Hopper, der als Dylans Bruder Nick eine himmelschreiend überflüssige Figur abgekriegt hat.

Damit ist er allerdings nicht der einzige. Grosszügig verbrät Penn nämlich auch weitere, durchaus hochkarätige Schauspieler wie Josh Brolin oder Eddie Marsan in lächerlich kleinen Rollen, bei denen man sich fragt, warum sie überhaupt in den Film integriert worden sind. Zudem ist auch das Storytelling eklatant uninspiriert. Immer wenn die Handlung irgendwo ansteht, drückt Penn die Fast-Forward-Taste in Form einer Montage, die mit nachdenklichem Gitarrengeklimper unterlegt wird.

Das macht den Film repetitiv. Hinzu kommen einige Sentimentalitäten. Für solche scheint der Regisseur Penn generell eine leichte Schwäche zu haben, waren doch selbst seine angesehenen Werke wie Into the Wild nicht ganz frei davon. Der Versuch, auf die Tränendrüse zu drücken, geht hier allerdings ziemlich in die Hose, denn einem windigen Charakter wie John Vogel weint man einfach keine Träne nach. Für Sean Penn tut man dies schon eher, denn zurück in Hollywoods Regie-A-Liga wird ihn dieser Film nicht katapultieren. Immerhin bleibt ihm da sein Job als Schauspieler. In dieser Hinsicht ist seine Qualität ja unbestritten.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Englisch, 02:26