Filmkritik: Trauer, Akzeptanz, Waffelgrind

74e Festival de Cannes 2021
Fast and Furious: Hiroshima Drift
Fast and Furious: Hiroshima Drift © Studio / Produzent

Der Theaterschauspieler und -regisseur Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) ist glücklich verheiratet mit Oto (Reika Kirishima), die als Drehbuchautorin beim Fernsehen arbeitet. Um ihren Gatten zu unterstützen, spricht Oto jeweils Yusukes Theaterskripte auf Tonbandkassetten ein. Diese hört ihr Ehemann dann auf Autofahren an und kann sie auf diese Weise proben. Als Yusuke eines Tages seine Frau mit einem anderen Mann in flagranti erwischt, schleicht er heimlich wieder ab, ohne dass sie etwas davon bemerkt. Später stirbt Oto unerwartet, worauf Yusuke in ein emotionales Loch fällt.

Ab zur Fahrprüfung!
Ab zur Fahrprüfung! © Studio / Produzent

Zwei Jahre später wird Yusuke in Hiroshima die Regie bei einer Inszenierung von Tschechows «Onkel Wanja» angeboten. Er nimmt an, doch verbieten es ihm die Produzenten, dass er selbst Auto fährt. Stattdessen heuern sie die Chauffeurin Misaki (Tôko Miura) an, mit der sich Yusuke über die Zeit langsam immer mehr anfreundet. Auch sie ist in ihrer Vergangenheit selbst auch schwer vom Schicksal getroffen worden.

Mit drei Stunden Laufzeit ist die Murakami-Kurzgeschichte-Verfilmung Drive My Car sehr lange geraten. Viel hätte dabei an gezeigten Theaterproben gekürzt werden können, aber am Ende geht der Film trotzdem dank seiner sauber gezeichneten Figuren nahe. Und zudem bekommt man mit «Hey Waffelgrind, dreh dr Hahne zue!» noch einen neuen Schweizer Spruch gratis dazu.

Eine Enttäuschung und eine faustdicke Überraschung gibt es im neuen Film des Japaners Ryûsuke Hamaguchi (Asako I & II). Die Enttäuschung ist, dass in den ganzen langen drei Stunden, die der Film dauert, nicht ein einziges Mal der fetzige Beatles-Song «Drive My Car» abgespielt wird. Die Überraschung: Wie aus dem nichts ist plötzlich in einer Szene Schweizerdeutsch zu hören. Zwar haben wir selber noch nie den Spruch «Hey Waffelgrind, dreh dr Hahne zue!» gehört, aber sorgte dieser für einen kurzen Moment für Partystimmung unter den Schweizer Journalistinnen und Journalisten am Cannes-Filmfestival, wo Drive My Car seine Weltpremiere feierte.

Hamaguchis Neuster ist eine Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami, von dem auch die Vorlage zum ziemlich zähen Thriller Burning stammt. Wie schon Chang-dong Lee streckt auch Hamaguchi seinen Film auf eine stolze Länge und kann diese ebenfalls nur bedingt rechtfertigen. Zwar passiert einiges mit den Figuren, doch das Erzähltempo kommt besonders in den gezeigten Theaterproben zu Tschechows «Onkel Wanja» immer wieder zum Erliegen.

Umso schöner sind so die Momente, in denen die Figuren nicht das Skript vorlesen, sondern miteinander reden. Besonders die Szenen zwischen dem Regisseur und seiner Chauffeurin gehen gegen Ende hin recht nahe. Beide tragen einen tiefen Schmerz mit sich herum, vermögen sich jedoch langsam gegenseitig wieder aufzuhelfen. Es geht nur gemeinsam, und so ist natürlich auch das Theaterstück eine Metapher - einer Person alleine auf der Bühne zuzusehen, ist halt deutlich weniger prickelnd als ein Ensemble von Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen antreiben.

Letzten Endes ist ein Film über Trauer, Vergebung und Akzeptanz. Wer aufgrund der Vorlage einen weiteren Thriller à la Burning erwartet, wird enttäuscht werden. Es ist ein ruhiges Drama, das einiges an Geduld benötigt, aber letzten Endes doch zu berühren vermag. Und einen neuen schweizerdeutschen Spruch lernt man auch noch. Deshalb gibt es von uns einen Daumen hoch, du Waffelgrind.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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