Illusions perdues (2021)

Illusions perdues (2021)

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  3. 141 Minuten

Filmkritik: Was heisst denn Clickbait auf Französisch?

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Turteln in der Provinz.
Turteln in der Provinz. © Studio / Produzent

Lucien (Benjamin Voisin) versucht sich im Provinzstädtchen Angoulême als Dichter. Die adlige Louise (Cécile de France) erkennt sein Talent und möchte ihn in ihre Kreise hieven. Nicht ohne Eigennutz, denn die beiden kommen sich auch sexuell näher. Als Louises Gatte Ahnung von der Liebelei bekommt, flüchtet das nicht standesgemässe Paar nach Paris, wo ein weiterer Versuch scheitert, das Landei Lucien der Bourgeoisie näherzubringen. Der Besuch in der Opern-Loge von Marquise d'Espard (Jeanne Balibar) missglückt und Lucien landet erstmal in der Gosse.

Best buddies in der Hauptstadt.
Best buddies in der Hauptstadt. © Studio / Produzent

Beim Kellnern trifft Lucien auf Etienne (Vincent Lacoste), einen Journalisten, der ihn einführt in die boomende Welt der Klatsch- und Entertainmentpresse. Hier lässt sich mit Schreiben Geld verdienen, und vielleicht veröffentlicht der Verleger Dauriat (Gérard Depardieu) vielleicht doch mal Luciens Poesie. Bis es soweit ist, verliebt sich Lucien in die Tänzerin Coralie (Salomé Dewaels), und für kurze Zeit werden die beiden auch gefeierte Stars des Boulevards. Doch Lucien hat weiterhin einen Groll auf die Aristokraten und möchte nun endlich per Dekret den Namen seiner toten Mutter annehmen, um als adliger Lucien de Rubempre zu den oberen Zehntausend zu gehören.

Die schwelgerische Verfilmung des gleichnamigen Gesellschaftsromans von Honoré de Balzac lässt einen geschmeidig eintauchen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der er spielt. Xavier Giannoli und seine Autoren nehmen sich aber bei der Adaption Freiheiten. Indem die tragische Aschenputtel-Story Pariser Begebenheiten und journalistische Arbeit von vor über 200 Jahren detailgenau beschreibt, lassen sich auch Parallelen zu den Fake-News und der Like-Geilheit von heute ziehen.

Streicher auf dem Soundtrack, steife Roben und etwas Dünkel in den vornehmen Vorzimmern sind ein Muss für einen gelungenen Kostümfilm. Illusions Perdues legt sich hier die Basis für ein unterhaltendes Werk des Genres. Wie Benjamin Voisin als schmissiger Schönling von der überschaubaren Provinz in die wuselige Grossstadt hetzt und dort mal Kartoffeln klauen muss, mal die Bonzen bezirzt, entspricht den Erwartungen an eine Balzac-Verfilmung.

Über Erwarten frivol und auch mit Nachhall im Zeitgenössischen werden die ambitionierten 2.5 Stunden vor allem bei der Schilderung der damalig erst entstehenden schreibenden Zunft. Es war die Zeit der ersten Werbeplakate, und unzählige Verlage buhlten um die Gunst der Leserschaft. Giannoli zeigt die Journalisten als korrupte Kaste, immer näher beim Shareholder, dem die exotische Ananas auf dem Teller lieber war als Faktentreue in den Zeilen seiner Druckerzeugnisse. Man schrieb dem Publikum nach dem Mund und Gérard Depardieu verkörpert als aufgeblasener Verleger diese Rolle perfekt.

Im Feuilleton wurde aber nicht nur geschönt über Literatur geschrieben. Es war auch die Hochzeit der Claqueure, die gegen Bezahlung vor den Theaterbühnen für die gewünschte Klangkulisse sorgten. Ob Buhs, Applaus oder gar Tomaten, es liess sich alles herrichten durch eigentlich Agenturen. Zu den gekauften Likes von heute ist da schnell mal eine Linie gezogen wie auch zu den von wirtschaftlichen Abhängigkeiten gesteuerten Effekthaschereien der Medien von heute.

Das ganze Ensemble geht mit grosser Spielfreude zu Werke. Besondere Erwähnung finden Luciens zwei Geliebte, gespielt von Cécille de France und Salomé Dewaels. So sorgt Illusions Perdues nicht nur für schlaue Denkanstösse und einen Einblick in die damalige Zeit, sondern erfreut auch die nach Entertainment dürstende Ader, die sonst beim Kostümfilm manchmal schwach pulsiert.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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