Silent Land - Cicha ziemia (2021)

  1. ,
  2. 113 Minuten

Filmkritik: Albtraumferien

17. Zurich Film Festival 2021
Eiskalte Engel
Eiskalte Engel © Zurich Film Festival

Anna (Agnieszka Zulewska) und Adam (Dobromir Dymecki) sind soeben in dem schönen abgelegenen Ferienhaus in Süditalien angekommen, welches das polnische Paar gemietet hat. Zu ihrem Missfallen müssen sie feststellen, dass der Pool trockengelegt und beschädigt ist. Umgehend ruft Adam den Vermieter des Hauses an und beschwert sich bei diesem. Noch am selben Tag erscheint ein arabischer Handwerker, um die nötigen Reparaturen in Angriff zu nehmen. In der Zwischenzeit vertreibt das Paar seine Zeit an der nahegelegenen Meeresküste. Als sie zum Haus zurückkehren und sich auf die Veranda begeben, kracht es unten beim Pool plötzlich. Der Handwerker ist unglücklich gestürzt und schwer verunfallt.

Adam ruft beim Vermieter an, um Hilfe anzufordern. Doch als die Ambulanz und die Polizei eintreffen, ist es bereits zu spät. Der Poolarbeiter ist gestorben. In der Folge befragt die Polizei das Paar auf dem Revier. Es entstehen Zweifel darüber, ob sie das Nötige unternommen haben, um dem Arbeiter das Leben zu retten. Diesen Vorwurf beginnt Anna sich und ihrem Mann allmählich ebenfalls zu machen. Weder der Tauchkurs noch die schönen Abendessen helfen ihnen, den tragischen Vorfall zu vergessen.

In ihrem ersten Spielfilm Silent Land thematisiert die polnische Regisseurin Aga Woszczynska moralische Konflikte und Beziehungsprobleme auf intelligente, ansprechende Weise. Zudem übt sie Kritik an Europas Migrationspolitik, unter anderem mit einfallsreichen Metaphern. Ihr Drama ist ruhig inszeniert, steigert aber die Intensität und die Spannung im Verlaufe der Erzählung und trumpft mit einer ungemein cleveren sowie schönen Bildsprache auf. Wären doch nur die Protagonisten nicht ganz so distanziert und die Nebenfiguren nicht ganz so überspitzt dargestellt.

Die polnische Filmemacherin Aga Woszczynska hat bei ihrem ersten Spielfilm nicht nur Regie geführt, sondern auch beim Drehbuch mitgewirkt. Was sie dabei auf die Leinwand zaubert, ist beeindruckend und mutig. Silent Land ist sowohl mit den Bildern als auch den Worten detailgetreu, präzise und schlau erzählt. Nicht zufällig ist der wunderschöne Schauplatz, an dem sich ihre Geschichte zuträgt, eine (unbekannte) Insel im Süden Italiens - eine Gegend, in welcher viele Flüchtlingsboote Europa erreichen. Auf der Insel sind aus diesem Grund mehrere Militärposten aufgestellt.

In der Art und Weise, wie der Umgang mit dem tödlichen Unfall des arabischstämmigen Handwerkers dargestellt wird, übt Woszczynska raffiniert Kritik am europäischen Rassismus und an der Migrationspolitik. Ohne die Karten offenzulegen, stellt sie sowohl das polnische Paar als auch die italienischen Polizisten und deren Vorgehen bloss.

Anna und Adam werden zu Beginn des Films als scheinbar perfektes Paar in die Geschichte eingeführt. Auch ihr Aussehen - blond, grossgewachsen, attraktiv - ist natürlich nicht zufällig gewählt. Sie bieten optisch den krassen Gegensatz zu den Flüchtlingen auf der Insel und werden von den Einheimischen entsprechend privilegiert behandelt. Der tödliche Vorfall verändert jedoch die beiden und deren Verhältnis zueinander. Je weiter die Erzählung fortschreitet, desto intensiver wird der moralische Konflikt, in den sie geraten, und desto mehr leidet ihre Beziehung darunter. Auch hier wird das Erzählte wieder sehr schön mit der Bildsprache unterstützt, wobei das sonnige Wetter zum Beispiel plötzlich mal in einen Sturm mit heftigen Regengüssen umbricht. Alles scheint langsam aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Die Hauptdarsteller Agnieszka Zulewska und Dobromir Dymecki spielen ihr Rollen beide grandios. Sie erfüllen ihre Pflicht, indem sie etwas arrogant und distanziert wirken. Leider erschwert die Distanz es für die Zuschauer, eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Und der Wandel, den die beiden durchmachen, ist nur bedingt authentisch und nachvollziehbar. Die Nebenfiguren der italienischen Polizisten sorgen zwar aufgrund ihrer englischsprachigen Defizite und ihrem etwas unbeholfenen Verhalten für einige Lacher und heitern die Geschichte etwas auf, jedoch sind sie derart überspitzt dargestellt, dass ihre Glaubwürdigkeit komplett zu schwinden droht.

Würde die Figurenzeichnung in dem Drama genauso sorgfältig wie die Erzählweise und die Bildsprache ausfallen, wäre aus Silent Land ein wahres Meisterwerk entstanden.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram