A Chiara (2021)

A Chiara (2021)

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  2. 121 Minuten

Filmkritik: In Kalabriens Untergrund

17. Zurich Film Festival 2021
«Versteckt sich Papa in der Sahara?», fragt sich Chiara.
«Versteckt sich Papa in der Sahara?», fragt sich Chiara. © Zurich Film Festival

Chiara (Swamy Rotolo) pflegt eine innige, liebevolle Beziehung zu ihrer Familie. Zu Hause zankt sie sich gerne mal mit ihren Schwestern und hat Spass dabei, mit ihrem Vater Claudio (Claudio Rotolo) rumzualbern. Am grossen Geburtstagsfest von Chiaras Schwester Giulia (Grecia Rotolo) wird ausgiebig gefeiert, getanzt und gelacht. Als die Männer sich am Esstisch erheben, um ihre liebenswerten Reden für Giulia zu schwingen, will nur einer sich nicht beteiligen. Obwohl er von seinen Töchtern darum gebeten wird, weigert sich Papa Claudio, die Stimme zu erheben. Claudio scheut die Aufmerksamkeit und flüstert seiner Tochter ins Ohr, dass sie doch wisse, was sie ihm bedeute.

Später beobachtet Chiara, wie ihr Vater und seine Cousins vor dem Lokal intensiv diskutieren, bevor sie gemeinsam in der Nacht verschwinden. Am folgenden Abend kommt es vor dem Haus von Chiaras Familie zu einer heftigen Explosion. Claudios Auto wurde in die Luft gesprengt und er ist seit dem Anschlag spurlos verschwunden. Chiaras Misstrauen wird immer grösser und sie beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Ihre Recherche führt sie direkt in den Untergrund der kalabrischen Mafia.

Auch mit seinem dritten Spielfilm gelingt dem talentierten Regisseur Jonas Carpignano ein Geniestreich. A Chiara bewegt sich auf demselben Niveau wie seine zwei herausragenden Vorgängerwerke Mediterranea und Pio. Erneut kitzelt er aus den vielen Laiendarstellern verblüffend gute Performances raus, kreiert intensive Spannungs- und Überraschungsmomente und vermag es, seine Zuschauer mit ungewöhnlich nahen Kameraeinstellungen zu fesseln. Wer seine ersten beiden Filme gesehen hat, darf sich ausserdem auf einige Wiederbegegnungen freuen.

Der italo-amerikanische Filmemacher Jonas Carpignano komplettiert mit dem Drama A Chiara seine Trilogie, die sich rundum die italienische Hafengemeinde Gioia Tauro, am südlichsten Punkt Kalabriens gelegen, abspielt. Sein erster Film Mediterranea handelte von Flüchtlingen aus Burkina Faso und in seinem zweiten Werk Pio widmete er sich dem Leben der lokalen Romagemeinschaft. Letzterer wurde übrigens von Kultregisseur Martin Scorsese koproduziert. Im finalen Teil dieser Gioia-Tauro-Trilogie legt Carpignano den Fokus auf ein 15-jähriges Mädchen, welches erfahren muss, dass sein Vater einer der Drahtzieher der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, ist.

Wie in den beiden vorangegangenen Werken arbeitet Carpignano erneut mit Laiendarstellern zusammen und verschafft seinem Film so ein hohes Mass an Authentizität. Die Geschichte wird grösstenteils aus der Perspektive von der Hauptfigur Chiara erzählt, wobei die Kamera ihr jeweils mit sehr nahen Aufnahmen folgt und ihre Emotionen so sehr schön einfängt. Verkörpert wird sie von Swamy Rotolo, welche eine sensationelle Darbietung abliefert. Mit ihren grossen dunklen Augen und ihrer aufgeweckten, energievollen Art ist sie die ideale Besetzung für die mutige, neugierige Chiara.

Und auch Claudio Rotolo spielt seine Rolle überzeugend. Gerade weil er sich stets zurückhaltend verhält, nachdenklich und geheimnisvoll wirkt, passt er bestens in das Bild eines einflussreichen Mafioso. Carpignano macht damit deutlich, wie stark die Gesellschaft in den süditalienischen Regionen von den kriminellen und korrupten Machenschaften infiltriert ist. Ein Mann wie Claudio Rotolo, der seriös und vernünftig zu sein scheint, und einen sehr liebevollen Umgang mit seiner Familie pflegt, hat eine wichtige Funktion innerhalb der berüchtigten Organisation.

Passend zur Geschichte ist A Chiara insgesamt düster inszeniert, wobei viele Szenen bei Nacht und einige gar im Untergrund spielen. In der mysteriösen Atmosphäre, die Carpignano kreiert, gelingt es ihm mehrfach, seine Zuschauer zu überraschen oder gar zu erschrecken. Die Art und Weise, wie er die Spannung konstant aufrechtzuerhalten vermag, ist bemerkenswert.

Wie in seinen ersten beiden Filmen integriert Carpignano zudem wieder eine Vielzahl an zeitgenössischen, vorwiegend italienischen Popsongs. Diesen Bezug zur Aktualität stellt er bewusst her, um die Authentizität seines Werks zu stärken. Und zum Teil wird sie so laut aufgedreht, dass dem Film eine noch höhere Intensität und Dynamik verliehen wird.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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Kommentare Total: 2

goe

Ganz ok - mehr aber leider nicht. Einblicke in die kalabrische «Unterwelt» sind zwar spannend, die ersten 20 Minuten hätte man aber durchaus komplett streichen können. Positiv (und negativ) ist, dass die Geschichte sehr realitätsnah ist.

Mafia-Fans sollten sich daher an die Gomorra-Serie oder an die Pate-Filme halten. Wer in diesem Film die Action sucht, wird etwas enttäuscht. Dafür spielt Swamy Rotolo überzeugend. Hätte man den Film um 30 Minuten gekürzt, wäre er definitiv besser.

gli

Filmkritik: In Kalabriens Untergrund

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Trailer Italienisch, mit deutschen Untertitel, 01:31