Chaos Walking (2021)

Chaos Walking (2021)

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  3. 109 Minuten

Filmkritik: Denk nicht an einen rosa Elefanten!

Junge beim Denken
Junge beim Denken © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Im Jahr 2257 lebt der junge Todd Hewitt (Tom Holland) in Prentisstown auf New World, einem weit entfernten Planeten, auf dem sich Siedler von der Erde niedergelassen haben. New World unterscheidet sich jedoch in einem Punkt von der Erde: Privatsphäre gibt es nicht, denn die Gedanken von jedem sind als sogenannter «Noise» für andere seh- und hörbar. Als Jüngster in der Stadt wächst Todd bei seinen Ziehvätern Cillian (Demián Bichir) und Ben (Kurt Sutter) auf, da seine Mutter - wie alle anderen Frauen - im Krieg mit den Spackle, den einheimischen Aliens, ermordet wurde.

«Nicht unanständig denken!»
«Nicht unanständig denken!» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Als Todd eines Tages einen Dieb entdeckt und verfolgt, stösst er im nahe gelegenen Wald auf ein abgestürztes Raumschiff - und der einzige Überlebende scheint keinen Noise zu haben. Todd benachrichtigt Bürgermeister Prentiss (Mads Mikkelsen), der den - offensichtlich weiblichen - Überlebenden unbedingt in seine Finger kriegen will. Denn die junge Viola (Daisy Ridley) ist nur eine Kundschafterin für ein bald ankommendes Raumschiff mit Tausenden von neuen Siedlern, dessen Technologie der listige Prentiss an sich reissen will. Viola kann jedoch fliehen und macht sich mit Todd auf den Weg zur nächsten Ortschaft, um das Raumschiff zu warnen.

Erst nach zig Drehbuchfassungen, aufwendigen Reshoots und fast zwei Jahren Wartezeit schaffte Doug Limans Sci-Fi-Film Chaos Walking doch noch den Sprung aus dem Giftschrank. So überrascht es fast, dass der Film eigentlich ganz ordentlich geraten ist. Mit der Grundidee der sicht- und hörbaren Gedanken hätte man zwar mehr machen können, und das Ende wirkt fast schon lieblos angepappt. Das Jungdarstellerduo auf der Flucht weiss jedoch zu überzeugen; insbesondere Tom Holland sorgt mit seinen Gedankenkommentaren für manchen Lacher und weiss den Film mit enormem Charme mühelos auf seinen (muskulösen) Schultern zu tragen.

Regisseur Doug Liman (The Bourne Identity, Mr. and Mrs. Smith, Edge of Tomorrow) ist berühmt-berüchtigt für seine innovative, aber auch immer wieder chaotische Weise, Filme zu drehen. Reshoots sind ihm deshalb nicht fremd - an Chaos Walking biss sich der Filmemacher aber beinahe die Zähne aus. Ursprünglich hätte der Film bereits Anfang 2019 in die Kinos kommen können. Nach vernichtenden Testscreenings mussten jedoch teure Reshoots her und insgesamt sechs Autoren machten sich am Drehbuch zu schaffen (u. a. Drehbuchlegende Charlie Kaufman), um das zugegebenermassen nicht ganz einfache Jugendbuch «The Knife of Never Letting Go» von Patrick Ness (A Monster Calls) filmisch umzusetzen.

Den Ruf eines Flops hatte der Film so eigentlich von Anfang an weg. Verdient hat er diesen jedoch nicht wirklich, denn letztlich ist Chaos Walking ein ganz ordentlicher Zukunftsthriller geworden, der einige atemberaubende Actionszenen bietet. Klar, gewisse Einschränkungen sind dem Film anzumerken, etwa dass nur sehr wenige Szenen ein Zukunftsfeeling vermitteln, während die meisten Kulissen einfach nach nordamerikanischem Wald aussehen. Auch die Nebenfiguren sind häufig wenig definiert und wirken wiederholt nach bärtigem, dreckigem Mob, als dass eine lebendige Gesellschaft gezeigt wird. Nicht zuletzt enttäuscht der Film mit einem Ende, das mehr oder weniger angepappt wirkt und eine einfache Lösung für einen durchaus komplexen Konflikt bietet, der so einfach abgewürgt wird.

Auch die Umsetzung des «Noise» wirkt ein bisschen nach angezogener Handbremse; gerade am Anfang hinterlassen die farbigen Gedankenwolken den Eindruck, dass da weit mehr hätte daraus gemacht werden können. Im Verlauf des Filmes intensiviert sich der Einsatz dieses Gimmicks aber zunehmend, so dass der Film besonders in den Szenen mit Bösewicht Mads Mikkelsen wiederholt einen Hauch von Mindfuck-Film erhält und man im Grunde genommen nie ganz weiss, ob man als Zuschauer*in den eigenen Augen wirklich trauen kann. Insbesondere die von Tom Holland verkörperte Hauptfigur Todd macht so in fast jeder Szene greifbar, wie es wäre, in einer Welt zu leben, in der man(n) die eigenen Gedanken nicht geheim halten kann. Auch deshalb ist es etwas schade, dass die Konflikte zwischen den Geschlechtern (im Gegensatz zur Buchreihe) nur am Rande thematisiert werden.

Chaos Walking reisst keine grossen Stricke in der Filmlandschaft und gehört auch bestimmt nicht zu den genreprägenden Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre. Dass der Film trotzdem sehenswert ist, ist vor allem Hauptdarsteller Tom Holland zu verdanken, der seine Rolle als sympathischer jungen Typ verkörpert, der - im Gegensatz zu fast allen anderen gezeigten Männern - das Herz auf dem rechten Fleck hat und dies auch mit jedem Gedankengang immer wieder zeigt. Jene Szenen, in denen er etwas sagt und gleich darauf in Gedanken das komplette Gegenteil projiziert, gehören zweifellos zu den Highlights des Filmes und sorgen für manchen Lacher. So lebt der Film letztlich fast komplett vom Charme des jungen Darstellers, der hier wieder mal eine überzeugende, ehrliche und immer wieder emotionale Schauspielerleistung bietet.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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