The Box - La caja (2021)

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Filmkritik: Out of the box

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Verloren in der Wüste
Verloren in der Wüste © The Match Factory

Der Teenager Hatzin (Hatzín Navarrete) soll die sterblichen Überreste seines Vaters abholen, die in einer Grube im Norden Mexikos gefunden wurden. Diese werden ihm in einer metallenen Box überreicht. Auf dem Weg zurück nach Hause zu seiner Grossmutter begegnet Hatzin einem Mann (Hernán Mendoza), der ihn an seinen verstorbenen Vater erinnert. Überzeugt, dass es sich tatsächlich um seinen Vater handelt, folgt Hatzin ihm. Der Mann namens Mario aber will nichts davon wissen und versucht, den Jungen möglichst schnell wieder loszuwerden.

Doch Hatzin bleibt hartnäckig. So nimmt Mario sich schliesslich des Teenagers an und bietet ihm einen Job an. Gemeinsam reisen sie durch Chihuahua und suchen Arbeitskräfte für die örtlichen Textilfabriken. Da Hatzin gut rechnen, lesen und schreiben kann, wird er schnell zu einem wertvollen Mitarbeiter für Mario. Doch nach und nach wird dem Teenager bewusst, dass sein Mentor die Fabrikarbeiter ausbeutet. Auch vor Einschüchterung und Bedrohung schreckt er nicht zurück. Hatzin muss entscheiden, wie weit er selbst gehen würde, um seiner Vaterfigur Mario weiterhin nahe sein zu können.

Der venezolanische Regisseur Lorenzo Vigas präsentiert ein Drama voller aufgestauter Emotionen. Zwischen einer rauen nordmexikanischen Landschaft und tristen Fabrikhallen entspinnt sich ein Vater-Sohn-Konflikt, der sich grösstenteils im Inneren der Hauptfigur abspielt. So bleibt der Protagonist wenig zugänglich. Der Film schafft es damit nur stellenweise, die Zuschauer emotional abzuholen.

2015 gewann Lorenzo Vigas als erster südamerikanischer Regisseur den renommierten Goldenen Löwen für Desde allá. Der Film war der zweite Teil einer Trilogie, die sich mit dem Thema «Vaterfiguren» auseinandersetzt. Mit La Caja bringt der Regisseur diese Trilogie zum Abschluss.

Die Figuren in Vigas‘ neuestem Werk bewegen sich durch ein Mexiko, in dem Ausbeutung an der Tagesordnung steht. Niemand möchte am untersten Ende der Nahrungskette landen. Doch die Konkurrenz aus China ist gross und so müssen die Arbeiter für einen Hungerlohn ohne Pausen am Fliessband schuften. Vigas bekam für die Dreharbeiten exklusiven Zugang zu einer (bankrotten) Textilfabrik und zeigt eine kalte, lärmende Umgebung, in der die Arbeiter selbst wie Maschinen funktionieren müssen. Diese Bilder ergänzt er mit Aufnahmen der weiten nordmexikanische Wüste, die ebenso unerbittlich ist.

Nach und nach bekommt Hatzin - und mit ihm die Zuschauer - mit, wie schmutzig das Geschäft ist, das seine Vaterfigur Mario betreibt. Vigas gelingt es hier, die Zuschauer mit der ein oder anderen Enthüllung zu überraschen, die Hatzin zugleich vor immer grössere innere Konflikte stellen. Dabei entpuppt sich Mentor Mario als die interessanteste Figur. Dem mexikanischen Schauspieler Hernán Mendoza gelingt die Gratwanderung zwischen fürsorglichem Lehrmeister und hartem Geschäftsmann, der davon träumt, eine eigene Fabrik aufzubauen.

Teenager Hatzin wirkt dahingegen fast schon einfältig. Die inneren Konflikte, die seine Figur durchleben muss, übertragen sich kaum auf die Leinwand. Newcomer Hatzín Navarrete ist hier in seiner allerersten Filmrolle zu sehen. Nur selten flackern Wut und Frustration im Gesicht des Teenagers auf. Die meiste Zeit verbirgt Hatzin seine Emotionen hinter seiner stillen Fassade. Regisseur Vigas hätte hier durchaus mehr Gefühle auf Seiten seines jungen Darstellers zulassen können. So lässt La Caja die Zuschauer jedoch über weite Strecken emotional in der Wüste stehen.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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