The Good Boss - El buen patrón (2021)

The Good Boss - El buen patrón (2021)

Filmkritik: Hoch auf der goldenen Waage

17. Zurich Film Festival 2021
«Wenn du nicht so aufrecht gehst wie ich, kommst du nie ins Gleichgewicht!»
«Wenn du nicht so aufrecht gehst wie ich, kommst du nie ins Gleichgewicht!» © REPOSADO PC - THE MEDIAPRO STUDIO

«Harte Arbeit, Balance, Loyalität» lautet das Motto der Waagenmanufaktur Báscula Blanco. Ihr Inhaber Julio Blanco (Javier Bardem) weiss um dessen Wert, schliesslich hat es ihm ein Vermögen eingebracht. Nun steht er vor versammelter Belegschaft, um seine «Familie», wie der sich väterlich gebende Charmbolzen sie nennt, über den anstehenden Besuch eines Komitees zu briefen. Báscula Blanco steht nämlich in der Endauswahl für einen wichtigen Business-Award. Blanco, bedacht das blitzsaubere Image seiner Firma aufrechtzuhalten, will diese Auszeichnung um jeden Preis.

Mit salbungsvollen Worten schwört der über die Mauern seines Betriebes hinaus beliebte Patron seine Crew ein, da protestiert im Hintergrund José (Óscar de la Fuente), dem Blanco unlängst gekündigt hat, lautstark gegen seine Entlassung. Doch weil sich Blanco unnachgiebig zeigt, richtet er sich kurzerhand vor den Fabriktoren ein Protestcamp ein. Als wäre das nicht schon genug, gerät auch Produktionsleiter Miralles (Manolo Solo) zunehmend aus der Bahn. Blanco sieht sich dazu gezwungen, die Sache wieder ins Lot zu rücken. Vergnügen bietet ihm einzig Liliana (Almudena Amor), die neue Marketing-Praktikantin.

Javier Bardem brilliert in dieser gut getakteten und etwas überspitzten Komödie, die die Doppelbödigkeit des blankpolierten Images ausleuchtet und - immerhin über 200 Jahre nach der industriellen Revolution - subtil das Bedenkliche am Begriff «Work-Life-Balance» vor Augen führt. Eine auch poetisch gelungene Studie über das Führen einer Firma.

Wer kennt sie nicht, die schönen Geschichten, die die Chefinnen und Chefs gerne erzählen, um die Angestellten bei Laune zu halten! Diese vermeintlich schon längst von allen durchschaute Schönfärberei nach innen und nach aussen nimmt diese unterhaltsamen Komödie mit gutem Rhythmus überzeugend und aufschlussreich aufs Korn. Stellvertretend für viele Bosses steht hier der Waagenfabrikant Blanco.

Da man immer nahe am vermeintlichen Saubermann Blanco dran ist, entdeckt man auch allmählich die Risse in dessen Fassade. Man staunt, wie meisterlich er mit Metaphern jongliert und erkennt, dass man selbst hoffnungslos dem Geschwurbel des Charmeurs aufgelaufen ist und verblüfft, wenn man ihm wider besseren Wissens erneut auf dem Leim kriecht.

Das hängt starkt damit zusammen, dass Schauspiel-Grossmeister Bardem (Skyfall, No Country for Old Men) sein ganzes Können in die Waagschale wirft und sein Patron-Stereotyp hervorragend verkörpert. Der restliche Cast bietet mit den vielen, ebenfalls etwas arg zugespitzten Figuren ein stimmiges Gegengewicht, sodass die Vorstellung nicht zu einer One-Man-Show verkommt.

Doch es ist nicht so, dass Blanco einfach der Buhmann dieses Films wäre, vielmehr zeigt Regisseur Fernando León de Aranoa (Loving Pablo, A Perfect Day) das Führen einer Firma als Balanceakt, der immer wieder von Entscheiden bestimmt wird, die wohl abgewogen sein wollen. Die Waage als Symbol nicht nur für die Arbeit, sondern auch für das Leben zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.

Das gibt dem Film eine poetische Tiefe, die - auch dank der einleuchtend an John Williams' «The Tale of Viktor Navorski» erinnernden leicht-schweren Musik - immer spürbar bleibt und gegen den verräterischen Begriff der «Work-Life-Balance» arbeitet. Denn um Arbeit mit Leben aufzuwiegen, müssten diese voneinander getrennt werden können. Dass dies nicht möglich ist, davon überzeugt dieser Film auf humorvolle Weise.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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