The Bubble (2021)

The Bubble (2021)

  1. ,

Filmkritik: Zuerst die Arbeit, dann der Eskapismus

52. Visions du Réel 2021
Gleichgesinnte unter sich.
Gleichgesinnte unter sich. © Catpics AG

«The Villages - Florida's Friendliest Hometown» prangt in verschnörkelter Schrift auf einer Tafel. Die Wohnsiedlung ist für Rentnerinnen und Rentner gedacht, die ihren Lebensabend sorgenfrei im sonnigen Florida verbringen wollen. Diese überdimensionierte Ferienanlage ist ein Ort, an dem man unter sich ist und seinen Hobbys frönen kann - ein künstliches Konstrukt, das die Welt und ihre Widrigkeiten draussen vorlässt. Die Menschen, die sich hier niederlassen, haben ihr ganzes Leben hart gearbeitet und wollen sich nicht mehr mit den Sorgen der Welt befassen. So leben sie unbedarft in ihrer eigens für sie kreierten Bubble vor sich hin.

Die Arbeit ist getan - nun kommt das Vergnügen.
Die Arbeit ist getan - nun kommt das Vergnügen. © Catpics AG

Das Konzept ist ein Riesenerfolg und die Nachfrage nach Wohneigentum in der Siedlung nimmt stetig zu. Unermüdlich wird weitergebaut und die Siedlung breitet sich immer weiter aus. Doch nicht alle sind begeistert von diesem Erfolg. Die Anwohner haben Angst vor der Verdrängung und kämpfen darum, ihr Land nicht zu verlieren. Ausserdem zollen der immense Wasserverbrauch und die Anwendung von Chemikalien gegen Insekten und Käfer allmählich ihren Tribut. Der Schaden für Flora und Fauna ist langfristig kaum noch abzuwenden.

«The Villages» wirkt wie eine Filmkulisse, und auch wenn alles äusserst künstlich anmutet, sind die Menschen, die dort leben, real. The Bubble gelingt es, diese Realität hinter der bisweilen haarsträubenden Künstlichkeit offenzulegen. Die Interviews mit einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung gestatten einen Blick hinter die Fassade aus perfekt getrimmten Golfanlagen, blau-schimmernden Pools und symmetrisch angelegten Strassen.

Mit: «We know we are in a bubble, but it's a nice bubble», bringt es eine Bewohnerin von The Villages auf den Punkt. Es ist den Menschen bewusst, dass sie in einer eigens für sie konstruierten Welt leben - so what! Sie sind überzeugt, dass sie ihren Beitrag an die Welt «da draussen» geleistet haben und wollen sich nun zurückziehen. Regisseurin Valerie Blankenbyl gelingt ein spannender Einblick in diese Welt. Es sind die Interviews mit den Rentnerinnen und Rentnern, die dieser perfekten, schon beinahe steril wirkenden Welt, eine menschliche Note verleihen. Alle haben eine Vergangenheit, kämpfen mit Krankheiten oder Altersgebrechen, erleben immer häufiger den Tod der Freunde. Doch sie schätzen es, unter Gleichgesinnten zu sein.

Der Hang zum Perfektionismus und das Streben nach Ordnung und Symmetrie, das die Siedlung ausmacht, wird bei der Inszenierung des Films sehr schön eingefangen. Es gibt Einstellungen ohne Kamerabewegungen, in denen der Ort von oben aufgenommen wird. Oder die Kamera blickt auf einzelne Strassen, in denen unzählige Golfmobile hin- und herfahren. Dadurch entsteht ein Bild der Idylle mit einem bitteren Nachgeschmack - zu ordentlich, zu sauber, zu perfekt. Bisweilen gibt es einige amüsante Momente bei unterschiedlichen Freizeitaktivitäten wie Wasserballett oder Bauchtanz, andere - wie das Treffen der Waffenfans - wirken hingegen befremdlich. Der Film macht klar: The Villages ist eine Alterssiedlung, doch es ist eine bestimmte Gruppe von Seniorinnen und Senioren, auf die das Konzept ausgerichtet ist - weiss, obere Mittelschicht. Trotz dieser Einblicke und der überzeugenden Inszenierung schleichen sich nach einer gewissen Zeit Längen ein. Immer wieder tauchen Golfplätze, Golfspieler und Golfmobile auf, was auf die Dauer dem Film die Dynamik entzieht.

Dennoch überzeugt der Film durch seine kritisch-hinterfragende Haltung und lässt auch Menschen ausserhalb des «Bubbles» zu Wort kommen. Erst durch diesen Perspektivenwechsel wird deutlich, welche Auswirkungen ein solches Mammutprojekt überhaupt für die Umwelt bedeutet. Auch hier wird die Botschaft geschickt durch die Inszenierung untermalt. Einstellungen der andauernden Bauarbeiten werden immer wieder den Aufnahmen von unberührter Natur gegenübergestellt. The Bubble zeigt auf, dass der Traum von jemanden ganz schnell zum Albtraum eines anderen werden kann.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

  1. Artikel
  2. Profil