Boîte noire (2021)

Boîte noire (2021)

Black Box - Gefährliche Wahrheit
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  2. 129 Minuten

Filmkritik: Ich höre was, das du nicht hörst

«That man is playing Galaga. He thought we wouldn't notice, but we did.»
«That man is playing Galaga. He thought we wouldn't notice, but we did.» © WY PRODUCTIONS - 24 25 FILMS

Ein Flugzeug, welches von Dubai nach Paris unterwegs war, stürzt in den Alpen kurz vor seiner Ankunft am Zielort ab. 300 Menschen verlieren ihr Leben. Das BEA, die für Zivilluftfahrt zuständige Behörde, nimmt die Ermittlungen auf. Wie konnte es nur zu dieser Katastrophe kommen? Aufschluss darüber soll die Black Box geben, die sich für genau solche Fälle in jedem Flugzeug befindet. Anhand der Tonaufnahmen können die Spezialisten schnell entschlüsseln, dass sich ein Passagier Zugang zum Cockpit verschafft hat und die Maschine zum Absturz brachte.

Ob er keine Katzenvideos mag?
Ob er keine Katzenvideos mag? © WY PRODUCTIONS - 24 25 FILMS

Fall erledigt? Für Mathieu Vasseur (Pierre Niney), Techniker beim BEA, noch lange nicht. Er glaubt nicht an einen terroristisch motivierten Anschlag. Eindeutige Beweise hat er jedoch nicht. Um an solche zu gelangen, beginnt er, im Geheimen zu ermitteln, da das BEA den Fall abgeschlossen hat. Zudem soll niemand davon wissen, da sich Mathieu in der Vergangenheit selbst einmal mit eigens durchgeführten Ermittlungen ins Abseits manövriert hat. Auch wenn vieles darauf hinweist, dass sich Mathieu erneut unnötigerweise verrennt, denkt er nicht ans Aufgeben. Er will die Wahrheit ans Licht bringen - auch wenn er dafür Grenzen überschreiten muss.

Boîte noire ist ein spannender Thriller, der ohne grosse Effekthascherei, sondern einfach mit einem guten Skript und starken Schauspielerinnen und Schauspielern zu überzeugen weiss. Regisseur Yann Gozlan schafft es, die steigende Paranoia beim Protagonisten auf die Zuschauer zu übertragen und so ein intensives Seherlebnis zu kreieren.

In seinem Ursprungsland Frankreich war der Thriller Boîte noire ein echter Hit, der im Kinojahr 2021 selbst Blockbuster wie Free Guy und The Suicide Squad sowie andere an ein ähnliches Publikum gerichtete Filme wie The Father und Oscargewinner Nomadland an den Kinokassen locker hinter sich liess. Bei einem solchen Erfolg ist es nur logisch, dass es dieser Film dann auch in die Deutschschweizer Lichtspielhäuser schafft - und dieser Sprung lohnt sich. Denn Regisseur Yann Gozlan, der auch beim Drehbuch mitgeschrieben hat, ist hier spannendes Paranoia-Kino gelungen, bei dem sich die Zuschauer nur schwer an etwas halten können.

Schon früh etabliert Gozlan, dass sein Protagonist Mathieu kein Büro-Held wie zum Beispiel die Journalisten in Spotlight ist, sondern einer, der mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat. Auch ist er in seinem Umfeld bekannt dafür, dass er Fehler begeht, diese aber lange nicht einsehen will. Diese Tatsache in Kombination mit dem sehr spezialisierten Job des Blackbox-Tonanalysten erzeugt auf clevere Art und Weise Spannung. Denn können die Zuschauer diesem Protagonisten überhaupt vertrauen? Sie können die Situation selbst nur schlecht beurteilen, denn die Wenigsten, die sich diesen Film anschauen, werden wohl von Beruf Tontechniker sein, die wie Mathieu gewisse Sachen heraushören können.

So beginnen wir wie Mathieu an etwas zu glauben, das wir nur schwer beurteilen können. Hängt man sich trotzdem an Mathieu, beginnt man schnell an jeder Ecke eine Verschwörung zu wittern - ein Qualitätsmerkmal von Paranoia-Thrillern. Zudem verrennt sich Mathieu im Film nicht nur mit einer Theorie, sondern gleich mit mehreren. So wird mit den Zuschauern gespielt, die sich irgendwann fragen müssen, wie glaubhaft dieser Mathieu überhaupt ist. Ja, ist er vielleicht einfach ein Verschwörungstheoretiker?

So passt Boîte noire dann auch perfekt in unsere Zeit der Schwurbler und der immer mächtiger werdenden Grossunternehmen. Zwar ist der Schluss ein bisschen überkonstruiert, aber dies hat in der Endabrechnung auch aufgrund des intensiven Spiels von Hauptdarsteller Pierre Niney keinen allzu grossen Einfluss auf die Gesamtbewertung. Wer Filme wie Coppolas The Conversation oder De Palmas Blow Out mag, wird hier auf seine Kosten kommen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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