The Black Phone (2021)

The Black Phone (2021)

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  2. 102 Minuten

Filmkritik: Die Geister, die mich anriefen

«Hello! Is it me you're looking for?»
«Hello! Is it me you're looking for?» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

In einem Vorort in Colorado treibt in den Siebzigerjahren ein Serienmörder sein Unwesen. Der «Grabber» ist für das Verschwinden mehrerer Jungen im Teenageralter verantwortlich, unter ihnen auch ein guter Freund von Finney Shaw (Mason Thames). Der schüchterne Finney wächst bei seinem trinkenden Vater (Jeremy Davies) auf, der seine Kinder auch mal mit dem Gürtel züchtigt, etwa wenn Finneys kleine Schwester Gwen (Madeleine McGraw) erwähnt, dass sie hellseherische Träume habe. Weil die Mutter der Kinder ähnliche Träume hatte und sich schliesslich das Leben nahm, darf niemand über solche verrückten Dinge sprechen.

«Masken sind sehr bequem. Ich glaube, in Zukunft wird jeder eine tragen.»
«Masken sind sehr bequem. Ich glaube, in Zukunft wird jeder eine tragen.» © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Eines Tages wird auch Finney auf dem Heimweg von der Schule von dem als Magier verkleideten Grabber (Ethan Hawke) abgepasst, betäubt und verschleppt. Als der Junge wieder zu sich kommt, befindet er sich in einem Keller, in dem sich ausser einer Matratze und einer Toilette nur ein altes Telefon an der Wand befindet. Obwohl das Telefon laut Entführer, der sich nur mit Masken zeigt, schon vor Jahren kaputtging, klingelt es, wenn Finney allein ist. Am anderen Ende der Leitung hört er die Geister der früheren Opfer des Grabbers, die ihm helfen wollen, der Gefangenschaft zu entfliehen.

Bei The Black Phone spannte Regisseur Scott Derrickson erneut mit Drehbuchautor C. Robert Cargill zusammen und inszenierte ein effektives Thrillerdrama mit übersinnlichem Einschlag. Was eher gemächlich beginnt und vor allem anfangs einige unnötige Artsy-Fartsy-Filmtricks einsetzt, entwickelt sich bald zum spannenden Survivaltrip eines jungen Protagonisten, mit dem das Publikum gebannt mitfiebert. Neben den sympathisch und stark aufspielenden Jungdarstellern Thames und McGraw überzeugt auch Ethan Hawkes unheimliche Performance, die vor allem durch das gruselige Maskendesign einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Eigentlich kam Scott Derrickson schon vor Jahren auf die Idee, die Kurzgeschichte «The Black Phone» von Horror-Autor Joe Hill (Sohn von Stephen King) zu verfilmen. Allerdings war er da gerade daran, für Marvel Doctor Strange auf die Leinwand zu bringen, weshalb das Projekt ein paar Jahre warten musste. Als Derrickson endlich Zeit dafür fand, griff er wie üblich auf alte Bekannte zurück, mit denen er bereits erfolgreich zusammengearbeitet hatte.

Neben Dauerschreibpartner Cargill gehören dazu auch die Darsteller James Ransone (It Chapter Two) und Ethan Hawke (Boyhood), die beide schon bei Sinister mit von der Partie waren. Hawke wechselt hier jedoch die Seite und ist nicht mehr als Ermittler, sondern als gestörter Serienmörder zu sehen, dessen Gesicht fast immer hinter einer gruseligen weissen Maske verborgen bleibt. Die eindrückliche Maske, die mit wechselnden Mundpartien und manchmal sogar mit Hörnern für den Extragruselfaktor sorgt, wurde übrigens von Kult-Maskenbildner Tom Savini mitdesignt.

Ungewöhnlich an der an und für sich bekannten Serienmörderstory ist, dass kaum jemals die Schwäche des Opfers im Zentrum steht; vielmehr nimmt der Film fast ausschliesslich die Position der stark aufspielenden Kinderdarsteller ein. So folgen wir einerseits dem Protagonisten Finney, der sich im Laufe der Filmereignisse vom schüchternen Aussenseiter zum starken Protagonisten mit Überlebensinstinkt mausert, andererseits der kleinen Schwester Gwen, die in ihren Träumen Hinweise auf die Opfer erhält und auf eigene Faust zu ermitteln beginnt. So stört es auch nicht, dass der Film eher gemächlich anfängt, dabei einige unnötige filmische Spielereien einsetzt und erst allmählich die Spannungsschraube anzuziehen beginnt.

Eine dritte kindliche Perspektive wird schliesslich mit dem mystischen titelgebenden Telefon eingeführt, durch das Finney mit den Geistern der früheren Opfer kommunizieren kann. Diese Geisterperspektive ist umso effektiver, weil der Film so gar nie genau darauf eingehen muss, was der Mörder mit seinen Opfern anstellt. Vielmehr erhalten seine Opfer als Geister eine eigene Stimme und verbünden sich aus unterschiedlichen Motiven mit der Hauptfigur, da sie die Macken ihres Peinigers kennen und Finney so wichtige Tipps geben können, damit er sich aus der Gefangenschaft hinausmcgyvern kann.

The Black Phone ist damit weniger Horrorfilm als effektiv inszeniertes übernatürliches Survivalkino und dürfte so auch Nicht-Horrorfans ansprechen. Der Film zeigt nur wenige blutige Szenen und kommt - ungewöhnlich für eine Blumhouse-Produktion dieses Genres - fast ohne Jump-Scares aus. Dank des ungewöhnlichen Team-Ups des jungen Protagonisten mit den Geistern wandelt sich die Geschichte vom anfänglich gemächlichen Aussenseiterdrama zum zunehmend drängenden Thriller-Szenario, bei dem man mit wachsender Begeisterung miträtseln, mitfiebern und anfeuern kann.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Kommentare Total: 2

sma

«Geistlos, berechenbar, müde, noch dazu unendlich künstlich aufgebläht.»

Es soll tatsächlich einen Unterschied zwischen Stephen King und billigen Imitaten geben.
Die Gewalt im Finale macht alles nur noch schlimmer.

pps

Filmkritik: Die Geister, die mich anriefen

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