Beyond the White (2021)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Once Upon a Time in Northern Russia

17. Zurich Film Festival 2021
Ihm steht das Wasser (beinahe) bis zum Hals
Ihm steht das Wasser (beinahe) bis zum Hals © Zurich Film Festival

Es ist ein rauer, schwieriger Alltag in den Dörfern im Tersky-Gebiet im Norden Russlands, jenseits des Polarkreises. So garstig wie nur die Landschaft hier, die geprägt wird von Sand, Torftundra und berstigem Wind. Die wenigen noch verbliebenen Bewohnenden der Dörfer am weissen Meer leben eine Existenz am Rande gesellschaftlicher Vergessenheit: In einfachen Häusern, ausgestattet nur mit dem absolut Notwendigen, beheizt durch Brennöfen in den Stuben und mit einer wöchentlichen Lieferung an lebensnotwendigen Gütern und Lebensmitteln, scheint hier die Zeit stillzustehen.

Die Aktivitäten und Arbeitsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt, die Bewohnenden fahren auf das weisse Meer hinaus, um zu angeln, geben telefonisch die Wetter-Messdaten durch oder spalten Brennholz für ihre Häuser. Hier geht es ums meistens ums nackte Überleben, denn Russland scheint sich kaum noch um die abgelegenen Dörfer zu scheren.

Beinahe im Stile eines Westerns schweift die Kamera über die unendliche Weite der Landschaft. Mit dem Unterschied, dass hier kein Sand, keine Kakteen und herumwirbelnden Strohballen zu sehen sind, sondern die russische Torftundra, das weisse Meer und ein zügiger Wind. Beyond the White verpasst es jedoch, zu den audiovisuellen Vorzügen genügend Information zu packen und bleibt so ohne grosse Aussagekraft.

Beyond the White, der Erstlings-Dokumentarfilm von Evgeny Kalachikhin, nimmt sich des Schicksals einiger Dörfer im Norden Russlands an. Nördlich des Polarkreises liegen am Weissen Meer drei Dörfer. Viel ist dort oben nicht mehr los, nur einige Dutzend Menschen leben noch unter den schwierig-garstigen Bedingungen. Hier scheint wahrhaftig die Zeit stillzustehen.

Von Modernität und Fortschritt ist nur wenig zu sehen, doch immerhin gibt es Menschen, die einen Computer besitzen, und für die Nussschalen haben sie unterdessen Motoren zum Antrieb. Ansonsten ist das Leben und der Alltag noch immer sehr ursprünglich, sämtliche Güter kommen von weither und müssen mühsam in die Dörfer transportiert werden, teilweise gar über unbefestigte Strassen. Diese Ausgangslage ist spannend und vielversprechend, die Menschen in den Dörfern haben sich ihre ganz eigene Art und Lebensweise angeeignet.

Die Kamera fängt dabei wunderschöne Landschaftsaufnahmen ein: die See, die an die sandige Tundra peitscht, die unendlichen Weiten der Graslandschaften, in welchen kilometerweise einzig und alleine die Natur vorherrscht. Spärlich eingestreut die wenigen Häuser, ansonsten nichts ausser Meer, Sand und Graslandschaft. Da es keine befestigte Strasse gibt, entsteht mehrmals der Eindruck, der Truck, der diese Landschaft bezwingen muss, kippe bald.

Beyond the White überzeugt primär durch seine bildgewaltigen Kompositionen und eine neutrale Betrachtungsweise von aussergewöhnlichen Lebensumständen: Alles scheint in der kargen Landschaft eine wahnsinnige Anstrengung zu bedeuten, Hilfe erhalten die Bewohnenden von Russlands Regierung auch dann nicht, wenn die Torfsteppe brennt und sie in mühsamster Kleinstarbeit mit Löscharbeiten beschäftigt sind.

Negativ fällt leider die Passivität ins Gewicht: Dem Dokumentarfilm mangelt es schlicht an Informationen. Weder die verbliebenen Bewohnenden per Interview, noch ein Voice-over oder eingeblendete Erklärungen geben Auskunft über die Bedingungen und Zustände dieses abgeschiedenen Gebietes. Erst ganz zum Schluss, vor dem Abspann, wird erklärt, um welche Dörfer es sich handelte und dass in Russland über 30'000 Dörfer aufgegeben worden seien, weil sie von der Regierung kaum noch unterstützt wurden. Schade, denn so plätschert der Dokumentarfilm zwar imposant dahin, vermittelt aber nur wenig Hintergrundinformationen, wodurch einem sowohl die Dorfbewohnenden wie auch ihre Schwierigkeiten fremd bleiben.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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