Benedetta (2021)

Benedetta (2021)

  1. , ,
  2. , ,
  3. 131 Minuten

Filmkritik: Klebriges aus dem Kloster

74e Festival de Cannes 2021
Was sie da in der Hand hält, ist eine Marienfigur. Was denn sonst?
Was sie da in der Hand hält, ist eine Marienfigur. Was denn sonst? © Guy Ferrandis / SBS Productions

Italien im 17. Jahrhundert: Die neunjährige Benedetta wird von ihren Eltern ins Kloster von Pescia gebracht, wo sie - für einen grosszügigen Batzen Geld seitens der Familie - unter der Obhut von Äbtissin Felicia (Charlotte Rampling) zur Nonne ausgebildet wird. Schon ihre Ankunft im Kloster ist mit viel Drama verbunden: Nur mit Glück entgeht sie dem Tod, als beim Beten abrupt eine grosse Marienstatue auf sie herabstürzt. Oder war das am Ende doch nicht nur Glück, sondern ein göttliches Wunder?

«Jesus, he knows me. And he knows I'm right. I've been talking to Jesus all my life.»
«Jesus, he knows me. And he knows I'm right. I've been talking to Jesus all my life.» © Guy Ferrandis / SBS Productions

Diese Frage ist auch 18 Jahre später noch nicht eindeutig beantwortet. Benedetta (Virginie Efira) ist inzwischen zur jungen Frau gereift und erleidet immer wieder mysteriöse Anfälle, bei denen sie behauptet, Jesus spreche zu ihr. Als zudem Bartolomea (Daphne Patakia), die von ihrem gewalttätigen Vater geflüchtet ist, im Kloster aufgenommen wird, empfindet Benedetta mehr als nur Sympathie für die ungestüme junge Frau aus dem Dorf. In den heiligen Gemäuern braut sich damit einiges an Unheil zusammen.

Zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker oder schauen sich Benedetta am besten gar nicht an. Denn Regisseur Paul Verhoeven ist auch mit über 80 Jahren immer noch ein Garant für geschmacklose Übertreibung. Dennoch: Sein auf einer wahren (!) Begebenheit beruhendes Thriller-Drama ist einfach zu absurd-komisch, um nicht darüber zu schmunzeln. Mangelnde Sensibilität macht es durch spektakuläre Einzelszenen wett. Wer diesen Film mag, könnte dafür in der Hölle braten, doch wenn diese so unterhaltsam ist wie dieser Film, ist das vielleicht gar nicht so schlimm.

«Danger is my middle name»: Das sagte Austin Powers. «Scandal is my middle name» - das würde wohl Paul Verhoeven sagen, oder es ist zumindest sein unausgesprochenes Selbstverständnis. Wer es nun als etwas geschmacklos empfindet, die Filmkritik zu einem nominellen Drama über ein intimes Verhältnis zweier Nonnen mit einem Austin-Powers-Zitat in Verbindung zu bringen: Hey, es ist Verhoeven. Und das Zitat illustriert so ziemlich gut die Fallhöhe, entlang derer sich der mittlerweile 83-Jährige in seinen Filmen jeweils entlanghangelt.

Benedetta ist da keine Ausnahme. Das Spezielle daran: Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, und zwar auf dem Leben der Nonne Benedetta Carlini, die überlieferten Berichten zufolge ein amouröses Verhältnis mit einer anderen Nonne gehabt haben soll. Ein gefundenes Fressen für den Berufsprovokateur Verhoeven, der daraus ein ziemlich geschmackloses, allerdings auch ziemlich unterhaltsames Period Piece macht.

Nein, bei diesem Film handelt es sich trotz inhaltlicher Nähe definitiv nicht um ein historisches Charakterdrama über weibliche Homosexualität, wie das beispielsweise Portrait de la jeune fille en feu oder Ammonite waren. Charaktertiefe und sensible Figurenzeichnung sind seit jeher nicht die grosse Stärke des Regisseurs, hingegen hat er einen Sinn dafür, dem Publikum Spektakel zu bieten. Immerhin das «en feu» im Titel des oben genannten Films passt da übrigens gar nicht so schlecht.

Virginie Efira, Daphne Patakia und Charlotte Rampling geniessen dabei als «Trio infernale» die Freiheit, hier einmal so richtig rumzuferkeln. Vor allem Rampling, in vielen Filmen sonst die Würde in Person, ist sich hier nicht zu schade, sich so richtig dreckig zu machen - im übertragenen wie auch im eigentlichen Sinne des Wortes. Unterhaltsam ist dies auf jeden Fall, und dass der Film religiöse Gefühle verletzen könnte, versteht sich dabei fast schon von selbst. Allerdings ermüdet die Dauerprovokation irgendwann ein wenig. Wer auf Subtiles oder Zwischentöne steht, ist bei diesem Film definitiv an der falschen Adresse.

Dafür ist Benedetta trotz des ernsten Themas immer wieder lustig - auch das ein typisches Verhoeven-Erkennungsmerkmal. Die Eskalation der Ereignisse nutzt er, um dem Publikum immer wieder ein ungläubiges Lachen zu entlocken. Er ist ein Meister darin, bei den Zuschauenden dieses typische Gefühl auszulösen, das in etwa so umschrieben werden kann: «Hey, es ist ja eigentlich total daneben, aber verdammt nochmals, es ist einfach zu absurd, um nicht darüber zu lachen!» So ist sein Film, so unterschiedlich er klingt, geistig eben doch näher an Austin Powers, als man denkt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd