Behind the Headlines (2021)

Behind the Headlines (2021)

Hinter den Schlagzeilen
  1. 90 Minuten

Filmkritik: Justice League in Süddeutschland

17. Zurich Film Festival 2021
«Boah, ist das alles in 3D?»
«Boah, ist das alles in 3D?» © Zurich Film Festival

Investigative Journalisten leben von Whistleblowern. So besuchen zwei Vertreter dieser Kaste von der Süddeutschen Zeitung den Whistleblower schlechtin in Moskau, Edward Snowden. Danach ist ein Video das grosse Thema, das ein Regierungsvertreter eines Landes in dubiosen Gesprächen im informellen Rahmen zeigt. Die «Quelle» zögert noch mit der Übergabe des Materials und die Journalisten sind zunehmend frustiert, dass sie nichts machen können und einfach abwarten müssen.

Auf einer Sicherheitskonferenz der höchsten Stufe in München versuchen die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung Hintergründe über eine ominöse und zwielichtige Figur zu entdecken. Es geht um einen der grössten Waffenhändler weltweit, der Massenvernichtungswaffen wie auf einem Bazar feilbietet. Niemand kennt seine Identität und die beiden Journalisten erhoffen sich einige vielversprechende Ansätze von der Konferenz. Wenig später bekommt die Süddeutsche Zeitung das Material von der Quelle und die Journalisten können den brisanten Fall aufdecken.

Dieser Dokumentarfilm ist unterhaltsam, aber sehr unkritisch. Der Regisseur Daniel Andreas Sager hinterfragt bei den Journalisten gar nichts. So wirkt der Film stellenweise wie ein Werbeclip der Süddeutschen Zeitung. Er zeigt aber auch auf, wir die Journalisten über lange Zeit am Ball bleiben, bis sie mit einer lange recherchierten Geschichte an die Öffentlichkeit können.

Die Süddeutsche Zeitung ist vor etwa zwei Jahren mit dieser grossen Story aus unserem östlichen Nachbarland vor die Öffentlichkeit getreten. Wir erfahren nichts Neues, wodurch der Film zwangsläufig Längen aufweist. Der Regisseur begleitet einfach die Journalisten und zeigt sie an Besprechungen mit Kollegen. Der Besuch bei einem Computer-Forensiker zur Authentifizierung eines brisanten Videos zeigt, dass sie gelegentlich auch über den Tellerrand schauen müssen.

Investigative Journalisten leben von Whistleblowern. Wenn diese zur Tat schreiten, machen sie damit meist etwas Verbotenes. Ein investigativer Journalist muss also nicht nur gut schreiben können, sondern er muss auch die Fähigkeit haben, Zusammenhänge zu sehen und mit den richtigen Leuten zu sprechen. Zugleich verfolgt ein Whistleblower mit seiner Tat auch eigene Interessen. Der Journalist muss das alles abwägen können. Am Anfang erwähnt das der eine Journalist schnell, aber danach kommt das nicht mehr zur Sprache. Es hätte dem Film gut getan, diesen Punkt mehr zu vertiefen. Die Marvel Studios haben ihre Superhelden und die Süddeutsche Zeitung hat ihre investigativen Journalisten.

Auch wird eine entscheidende Frage nicht beantwortet: Wie ist der Kontakt zum Whistleblower entstanden? Hat die Süddeutsche Zeitung recherchiert oder ist er auf das Blatt zugegangen? Unter dem Strich ist dieser Dokumentarfilm etwas lau. Den Journalisten über die Schulter schauen zu können, ist durchaus interessant, aber für eine spannende Doku braucht es mehr. Dem Film fehlt es an Brisanz, denn er zeigt nichts Neues - mit Ausnahme der Journalisten vielleicht, die sehen immer aus, wie aus dem Ei gepellt.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

  1. Artikel
  2. Profil