Soul of a Beast (2021)

Soul of a Beast (2021)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Ich glaub, mich knutscht eine Giraffe

Locarno 2021
Kurze Pause vom ermüdenden Vaterglück.
Kurze Pause vom ermüdenden Vaterglück. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Im sommerlich heissen Zürcher Kreis 5 passt Gabriel (Pablo Caprez) allein, aber liebevoll auf seinen Sohn Jamie auf. Die Mutter (Luna Wedler) peilt's nicht mehr und verwahrlost im Wohlstand einer weit entfernten Goldküstenvilla. Als sich Gabriel zur Ablenkung von den Vaterfreuden ins Nightlife stürzt, lernt er Corey (Ella Rumpf) kennen, die Freundin seines bestens Freundes Joel (Tonatiuh Radzi). Bei einem Drogentrip lassen die drei aus Versehen wilde Tiere aus dem Zoo frei.

Verdreht nicht nur die Köpfe der anderen, sondern auch den eigenen: Ella Rumpf.
Verdreht nicht nur die Köpfe der anderen, sondern auch den eigenen: Ella Rumpf. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Der Puma, die Giraffe und der Pfau werden über Nacht «National News» und die Stadt versinkt im Ausnahmezustand aus Furcht vor dem wilden Getier. Als Joel für eine Hochzeit verreisen muss, kommen sich Corey und Gabriel näher, als allen drei lieb ist. Corey hat Pläne, für ein Jahr durch Südamerika zu trecken. Gerne nähme sie Gabriel mit. Doch wer passt dann auf Jamie auf?

Japanisches Voice-over. Hollywood-Geigen. Und vor allem Tempo ab der ersten Minute. Sehen wir hier wirklich einen Schweizer Film? Die jugendliche Unruhe ist in diesem Film für einmal mitreissend. Die Amour fou auf der Leinwand eine Liebeserklärung ans Kino. Emotional, opulent und trotz viel Züri-Groove sehr international.

Lorenz Merz, selber mal jung Vater geworden, verarbeitet eigene Erfahrungen mit Geburt und Tod zu einer atmosphärisch-hitzigen Geschichte, die für Kenner klar in Zürich spielt, aber die Stadt doch leicht verändert darstellt, so dass sie kosmopolitisches Flair erhält. Ein Langstrassen-Quartier mit Nutten am Babyfon, einem Penner, der in einem Auto nächtigt und helmlosen Töffli-Touren. Auch die hier geschilderte Goldküste als Hort von Gschpürschmi-Ladys mit asiatischen Bediensteten ist nicht die 0815-Schweiz.

Aus dem klassischen Boy-meets-Girl entwickelt sich eine Amour fou zwischen Ella Rumpf und Pablo Caprez - animalisch und sexy. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr, dass Rumpf zusammen mit Luna Wedler zu den aufregendsten Darstellerinnen ihrer Generation gehört. In Soul of a Beast sind die zwei zum ersten Mal in einem Film vereint, haben aber keine gemeinsamen Szenen.

Die 4:3-Bilder sind ein wilder Trip. Gesprochen wird wenig. Bild-Ideen stehen im Vordergrund: Camouflage im Wald. Springbrunnendüsen im Zürichsee und sogar wilde Tiere (die Giraffe!). Es gibt Explosionen als Spezialeffekte und Rear Projections wie beim Breathless-Remake mit Richard Gere. Auf dem Soundtrack wechselt Hippie-Rock mit Klängen aus dem Hollywood der Fünfziger. Man kann sich satt sehen wie hören. Kein Wunder, kramen Kritiker schon Wong Kar-Wai zum Vergleich hervor.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter