Badenfahrt - Fest vereint (2021)

Badenfahrt - Fest vereint (2021)

  1. 78 Minuten

Filmkritik: «Badefahrt, nöd Badenerfahrt»

An der Badenfahrt ist sogar die Hochbrücke mal Beiz.
An der Badenfahrt ist sogar die Hochbrücke mal Beiz. © Redspace

1923 fand erstmals die Badenfahrt statt, benannt nach den Ausflügen wohlhabender Frauen, die aus Zürich in die aargauische Kleinstadt Baden an der Limmat fuhren, um es sich im Thermalbad richtig gut gehen zu lassen. Seitdem findet (fast) jedes Jahrzehnt - immer im Siebnerjahr - eine Badenfahrt statt. Das Traditionsfest hat sich inzwischen zum grössten Volksfest der Schweiz gemausert, denn während der jeweils zehn Tage im August pilgern bis zu einer Million Menschen nach Baden.

Grundpfeiler des Festes sind etwa 100 Vereine, die mit grossem Engagement schon Jahre voraus originelle Beizen konzipieren, diese dann selbst vor Ort aufbauen und mit viel Einsatz bewirten. Die Doku folgt einigen Vereinen an der Badenfahrt im Jahr 2017; von den Monaten vor dem Fest über die stressigen Festtage bis zum Abbau danach.

Badenfahrt - Fest vereint ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen eines Megaevents und porträtiert die vielen Menschen hinter dem riesigen Fest, das nur alle zehn Jahre in dieser Form stattfindet. Angefangen mit den ersten Handgriffen und Ideen hinter den originellen Beizen, zeigt die Dokumentation eine interessante Bandbreite an Akteuren, die zum Erfolg des Festes 2017 betrugen. Die schiere Grösse des Festes und der Menschenmassen kann der Film leider nicht ganz einfangen. Trotzdem zeigt der Film aber eindrücklich gefilmte Festaufnahmen und dürfte so neben allen, die sich für lokale Traditionen im Wandel der Zeit interessieren, insbesondere Ortsansässige ansprechen.

Mit etwa 19'000 Einwohnern ist Baden im Kanton Aargau nicht gerade als riesig zu bezeichnen. Trotzdem explodieren alle zehn Jahre die Besucherzahlen, wenn an der Badenfahrt (und eben NICHT BadenERfahrt, liebe Zürcherinnen und Zürcher, wir nennen euch auch nicht ZüricherInnen!) fast die gesamte Innenstadtfläche mit Beizen und Essensständen vollgestopft ist und während zehn Tagen bis zu einer Million Menschen die Strassen fluten.

Die Badenfahrt ist DAS Event in der Limmatstadt, bei der Leute von nah und fern anreisen, um es sich in den originellen Beizen kulinarisch gut gehen zu lassen, Gratiskonzerte zu besuchen und mal so richtig abzufeiern. Hinter den unzähligen Restaurants, Bars und Bühnen, die allesamt nur für dieses Ereignis aufgebaut werden, stehen etwa 100 Vereine aus der Region, die sich schon Jahre im Voraus Konzepte ausdenken. 2017 etwa gab es beispielsweise einen hohen Turm mit Rakete, ein Holzrestaurant gleich unter der Ruine Stein oder auch eine Beiz nur bestehend aus alten Büchern.

Der selbst aus Baden stammende Regisseur Rolf Lang legt in seiner Dokumentation den Fokus auf die Menschen und Vereine hinter diesen Beizen und folgt ihnen von den vorbereitenden Schritten Monate vor Festbeginn bis zum Abbau nach Festende. Die Auswahl der Akteure zieht sich dabei quer durch die Gesellschaft: Flüchtlinge, einstige Pfadikumpels, Stadtoriginale, indische Einwanderer, aber auch extra für das Fest neu gegründete Kleinstvereine gewähren Einblicke in ihre Vorbereitungsarbeit. Vor allem die älteren Protagonisten berichten zudem auch von früheren Ausgaben der Badenfahrt und vom Gemeinschaftssinn, den die Vereinsarbeit allgemein vermittelt. Über allem schwebt die Einsicht, dass das Fest zwar unerwartet viel harte Arbeit bedeutet, aber dass sich der Einsatz auf jeden Fall lohnt.

Die Dokumentation überzeugt durch die Vielfalt an Blickpunkten und die sympathische Art, wie die Arbeit fürs Fest ausführlich und über einen längeren Zeitraum hinweg präsentiert wird. Filmisch eingefangen ist das Ganze tadellos, wenn es auch schade ist, dass der Film es nie ganz schafft, die schiere Masse der Festbesucher nachvollziehbar einzufangen. Am Ende ist Badenfahrt - Fest vereint aber wohl sowieso ein Film, der sich in erster Linie an Leute aus der Region wendet. Wer selber schon an einer - vielleicht sogar an dieser - Badenfahrt war, kann die Veränderung der gezeigten Plätze noch ein bisschen besser nachvollziehen und - wie etwa die hier schreibende Badenerin - vielleicht sogar bekannte Gesichter in der Menge entdecken.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:45