Bonne mère (2021)

Bonne mère (2021)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Der gute Mensch von Marseille

74e Festival de Cannes 2021
Als Busfahren noch ohne Maske möglich war.
Als Busfahren noch ohne Maske möglich war. © Studio / Produzent

Die Mittfünfzigerin Nora (Halima Benhamed) hat's gerade nicht einfach: Ihr ältester Sohn Ellyes (Mourad Tahar Boussatha) sitzt wegen eines Überfalls im Gefängnis, zuhause in ihrer bescheidenen Marseiller Wohnung muss sie einen Dreigenerationen-Haushalt schmeissen. In der kleinen Wohnung leben ihre Tochter Sabah (Sabrina Benhamed), die ihrerseits eine vierjährige Tochter hat, ihre Schwiegertochter Muriel (Justine Gregory) und deren Teenager-Sohn Jawed (Jawed Hannachi Herzi) sowie ihr jüngerer Sohn Amir, der lieber zuhause rumsitzt und Games spielt, anstatt sich um einen Job zu bemühen.

Für die schöne Aussicht interessieren sie sich anscheinend nicht.
Für die schöne Aussicht interessieren sie sich anscheinend nicht. © Studio / Produzent

Um Ellyes für den bevorstehenden Prozess bestmöglich zu unterstützen, tut Nora alles - was unter anderem Anwaltskosten von mehreren Tausend Euro bedeutet. Kein Pappenstiel für die Reinigungsangestellte einer Fluggesellschaft, die mit ihrem mageren Lohn eine ganze Grossfamilie durchbringen muss. Tochter Sabah findet derweil mit Freundinnen eine Möglichkeit, schnell viel Geld zu verdienen. Doch wie es meistens ist mit solchen Jobs, verstrickt sie sich dabei bald in Konflikte. Für Mutter Nora wird es immer schwieriger, die Familie zusammenzuhalten.

Hafsia Herzis zweiter Spielfilm spielt in einem Milieu, in dem man wohl auch einen niederschmetternden Thriller über Gewalt und soziale Ungerechtigkeit ansiedeln würde. Doch dieses sanfte Sozialdrama hinterlässt sein Publikum mit einem positiven Gefühl. Das liegt nicht zuletzt an der Amateurdarstellerin Halima Benhamed als Nora, die ihre stoische Ruhe auch dann nicht verliert, wenn alle schon an die Decke gegangen wären. Auch wenn das Drehbuch nur wenige spektakuläre Überraschungen bereithält: Bonne mère muss man einfach gernhaben - und zwar sowohl den Film als auch die Protagonistin.

Die Schwiegermutter - französisch «bonne mère» - hat ein zwiespältiges Image. In diesem Film hingegen entspricht sie so gar nicht dem gängigen Drachen-Klischee. Im Gegenteil. Nora ist eine «bonne mère» im wortwörtlichen Sinn: Ein wahrhaft guter und gutmütiger Mensch, fast zu gut für diese Welt. Am liebsten würde man sie umarmen für ihre aufopferungsvolle und geduldige Art.

Hauptdarstellerin Halima Benhamed ist übrigens ein Glückgsgriff: Gemäss Aussagen von Regisseurin Hafsia Herzi hat sie ihre Tochter Sabrina Benhamed - die auch im Film ihre Tochter spielt - lediglich zum Casting begleitet. Als das Produktionsteam sich für sie als potenzielle Hauptdarstellerin zu interessieren begonnen hatte, wollte sie zunächst nichts davon wissen, sich dermassen in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht viel anders hätte wohl ihre Filmfigur reagiert, die sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse immer zurücknimmt. Zum Glück für den Film hat die Regisseurin Mutter Benhamed doch noch davon überzeugen können, diese Rolle zu übernehmen. Denn ihre natürliche Sympathie verleiht dem Film eine Wärme, die ihn letztendlich sehenswert macht. Die Story an und für sich ist nämlich nichts besonders.

Bonne mère ist die zweite Regiearbeit von Hafsia Herzi, die unter anderem in La graine et le mulet als Darstellerin vor der Kamera stand. Und, ob Zufall oder nicht - zwischen ihrem Film und demjenigen von Abdellatif Kechiche bestehen einige Parallelen. In beiden Filmen dreht sich die Handlung um eine arabischstämmige Grossfamilie und spielt in einer südfranzösischen Stadt - im vorliegenden Fall ist es in Marseille.

Mit ihrem Film setzt Herzi auch ein wenig die Grossstadt am Mittelmeer in Szene, die immer wieder wegen Kriminalität und Gewalt in die Negativschlagzeilen gerät. Dabei zeichnet sie ein differenziertes Bild, präsentiert echte Menschen anstatt Kriminelle, ohne hingegen das Negative auszublenden. Drogen und Kriminalität existieren, und einige Charaktere drohen auch immer wieder abzurutschen - oder sind es bereits, wie Noras Sohn, der im Gefängnis sitzt. Trotzdem ist Bonne mère ein positiver Film, der weder schwarzmalt noch schönzeichnet. Eine Geschichte aus dem Leben - mit einer Protagonistin, die man sich auch als eigene Schwiegermutter wünscht.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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