Azor (2021)

Azor (2021)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Bankocalypse Now

17. Zurich Film Festival 2021
Ray Ban. Never Hide.
Ray Ban. Never Hide. © Xenix Filmdistribution GmbH

Nachdem sein Partner René Keys spurlos verschwunden ist, reist der Genfer Bankier Yvan De Wiel (Fabrizio Rongione) im Jahr 1980 zusammen mit seiner Frau Inés (Stéphanie Cléau) nach Buenos Aires, um die Kunden aus Argentiniens besser gestellten Kreisen bei Laune zu halten. Nach einer ersten Akklimatisierung an das Land und seine Sitten merkt er bald, dass Keys in ziemlich lusche Geschäfte verwickelt war und dabei mit allerlei zwielichtigen Charakteren Kontakt pflegte.

Dieser Moment, in dem alle von dir eine geistreiche Bemerkung erwarten und du denkst nichts als: «Ich muss dringend aufs Klo!»
Dieser Moment, in dem alle von dir eine geistreiche Bemerkung erwarten und du denkst nichts als: «Ich muss dringend aufs Klo!» © Xenix Filmdistribution GmbH

Der Reihe nach klappert De Wiel seine Kunden ab. Um deren Vertrauen zu gewinnen, besucht er sie auf einer Ranch, wettet an Pferderennen oder begleitet sie beim Sonnenbaden. Bei seinen Nachforschungen findet er zudem in der Agenda seines Partners René Keys einen Verweis auf einen gewissen «Lazaro». Beim Versuch, herauszufinden, um wen oder was sich es dabei handelt, stösst der Bankier auf ein Dickicht aus Lügen, Machtspielen und politischen Intrigen. Und ehe er sichs versieht, wird er selbst ein Teil davon, denn er hat erkannt: Wenn man es geschickt anstellt, geht man in diesem von Korruption geprägten Land am Ende mit einem fetten Koffer voll Geld nach Hause.

Wer hätte gedacht, dass Machtspiele, Intrigen und Lügen so trocken sein könnten? Der zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur angesiedelte Politthriller mit Elementen von Apocalypse Now besteht zu einem grossen Teil aus Gesprächen - auf Action wartet man hingegen vergebens. Das macht ihn zu einem eher anstrengenden Seherlebnis. Trotzdem ist der elegant inszenierte Film über einen Bankier auf Abwegen auf faszinierende Weise verstörend. Azor ist ein Labyrinth aus Dialogen, in dem man sich gerne verirrt.

Bei manchen Filmen ist es ratsam, den historisch-politischen Kontext zumindest ansatzweise zu kennen. So auch bei diesem. Azor spielt im Jahr 1980, also zu Zeiten der Militärdiktatur, die zwischen 1976 und 1983 Argentinien beherrschte - unter anderem auch während der Fussball-WM 1978, auf die im Film ebenfalls verwiesen wird. Ein Schreckensregime, bei dem Tausende von politischen Gegnern auf mysteriöse Art und Weise «verschwanden», das heisst eliminiert wurden.

Verschwunden ist auch René Keys, die heimliche Hauptperson des Filmes, die tatsächlich nie auftaucht. Keys spielt sozusagen die Rolle von Colonel Kurtz aus Apocalypse Now, dem Film, von dem sich Azor unzweifelhaft hat inspirieren lassen. Schimmern die Parallelen zum Vorbild am Anfang noch sachte durch, werden sie immer offensichtlicher, als Bankier De Wiel gegen Ende des Filmes auf einem Flussboot durch den Urwald tuckert. Der Film hat aber noch andere stilistische Vorbilder aus einer ähnlichen Zeit. Und zwar erinnert er an italienische oder französische Politthriller aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wie beispielsweise Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, Espion, lève-toi oder Cadaveri eccellenti.

Dies verleiht Andreas Fontanas Film durchaus eine gewisse Grandezza. Allerdings fehlt ihm im Vergleich dazu zweierlei: zum einen ein charismatischer Hauptdarsteller, wie es Lino Ventura oder Gian-Maria Volonté in den besagten Filmen waren - mit diesen beiden Charakterköpfen kann der eher blasse Fabrizio Rongione nicht ganz mithalten; zum anderen aber auch ein einprägsamer Score, wie beispielsweise diejenigen von Ennio Morricone in den beiden erstgenannten Vergleichsfilmen. Zwar erinnert die minimalistische Synthie-Musik von Paul Courlet zuweilen sachte an den vor einem Jahr verstorbenen Grossmeister der Filmmusik, jedoch geht ihr dessen unverkennbare Prägnanz ab, die dem Publikum auch durch eher zähe Filme half.

Und so wird dieses Stück zwischendurch zu einer argen Geduldsprobe. Denn es besteht hauptsächlich daraus, dass Protagonist De Weil mit mächtigen Personen vertrauliche Unterredungen führt. Und diese mächtigen Männer deuten in kryptischen Andeutungen Unheilvolles an. Bei diesem Thriller findet die eigentliche Action ausserhalb der Kamera statt. Man kann nur erahnen, was sich wohl hinter deren Worten verbirgt.

Und trotzdem ist das Ganze nicht ohne Reiz, auch dank der Aussstattung. Das Argentinien aus dem Jahr 1980 gibt der Film durchaus stylisch wieder. In fünf Kapitel aufgeteilt, leuchtet er die Abgründe eines korrumpierten Landes aus. Und das hat durchaus Nachhall. Azor ist nicht einfach zugänglich, doch es lohnt sich, ihn ein zweites Mal zu schauen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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