Attack of the Hollywood Cliches! (2021)

  1. 58 Minuten

Filmkritik: Zip-a-Dee-Doo-Dah, Onkel Remus sagt hallo

Netflix
Er beleuchtet die Klischees.
Er beleuchtet die Klischees. © Netflix

Ganz beiläufig trifft ein Mann auf eine Frau und ihre Blicke bleiben aneinander hängen. Wenn Polizisten auf Zelluloid ihrer Arbeit nachgehen, nehmen sie Regeln meist nicht so ernst und sind oft etwas verrückt. Bei Beerdigungsszenen gibt es meist einen Gast, der sich das Ganze aus einer gewissen Entfernung ansieht und die Kamera fängt es mit einer weiten Einstellung ein. Eine Stadt ist in einem Film mit einem Blick durch das Fenster auf ihr Wahrzeichen im Hintergrund erkennbar. Der Eiffelturm lässt grüssen.

In vielen Szenen geben Baguettes und Äpfel der Handlung eine Wendung. Eine Einmannarmee mäht alles nieder und ist fast unverwundbar. Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone sind den Beweis dafür schon oft angetreten. Es gibt einen Ort, an dem Frauen auch mit High Heels ihre Schnellkraft in den Beinen anwenden können und Sprints hinlegen. Die Rede ist von Hollywood, das in seinen Filmen unzählige Running Gags und Techniken anwendet, die die Story vorantreiben. Rob Lowe moderiert diese Doku, und weitere Hollywood-Insider geben ihre Einschätzungen dazu.

Aha-Effekte gibt es in diesem Dokumentarfilm von Netflix am Laufmeter. Natürlich wissen wir, dass Hollywood-Filme oft nach wiedererkennbaren Schemata funktionieren. Wie diese aber genau aussehen, wissen wir meist nicht. Es ist spannend, wie diese Doku das aufschlüsselt. Allerdings verschenkt der Film auch einiges an Potenzial: Attack of the Hollywood Cliches! dauert eine knappe Stunde, die aber nur langsam vergeht, denn der Film bleibt bei der Auflistung, ohne kritisch in die Tiefe zu gehen.

In diesem Dokumentarfilm sehen wir beispielhaft, was Netflix oft auszeichnet und was Netflix oft vergeigt. Der Streaming-Dienst kauft und produziert viele kreative Ideen, aus denen ausgezeichnete Projekte hervorgehen. Das beste Beispiel dafür ist The Irishman von Martin Scorsese, bei dem das Unternehmen dem Regisseur ein Budget und freie Hand gegeben haben. Netflix ist aber oft auch Opfer von den Hollywood-Klischees, die es mit diesem Dokumentarfilm beleuchtet.

Gewisse Produktionsklischees in Hollywood haben ihren Ursprung in den Anfängen von Hollywood. Schlägereien auf den Dächern von fahrenden Zügen sind fast so alt wie das Kino selbst. Diese Klischees haben sich entwickelt und heute sehen wir eine hochdramatische Version davon, wenn James Bond sich in Skyfall mit dem Bösewicht Patrice schlägt und versucht, ihm eine Harddisk wieder abzuluchsen.

Eine kritische Vertiefung dieser Klischees hätte dem Film aber gut getan. Rob Lowe, der durch den Film führt, erwähnt sie einfach. Einige Klischees davon sind politisch nicht ganz korrekt, aber sie sind noch heute gang und gäbe. Es wäre spannend gewesen, nach den Gründen zu forschen und zu erklären, warum es noch heute so ist. Was heisst das, wenn immer wieder mal ein Afroamerikaner die weissen Hauptfiguren in einem Film zur Erleuchtung führt? Der gängige Begriff dafür in Hollywood beinhaltet das N-Wort. Der Dokumentarfilm ist mit 58 Minuten eher kurz geraten. Etwas mehr kritische Vertiefung hätte den Film verlängert und kurzweiliger gemacht.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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