Atlas (2021)

Atlas (2021)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Albtraum(a)

56. Solothurner Filmtage 2021
«Hui, das geht weit rauf!»
«Hui, das geht weit rauf!» © Solothurner Filmtage

Die Tessinerin Allegra (Matilda De Angelis) geht gerne mit ihren drei Freunden klettern. Die Alpen haben sie bereit erfolgreich bezwungen und nun wollen sie noch höher hinaus. Sie planen eine Reise nach Marokko, wo sie ihre Kletterkünste in den beeindruckenden Bergen des Atlas-Gebirges beweisen möchten. Den Zeitpunkt hätten sie nicht ungünstiger wählen können, denn noch bevor die Klettertour losgeht, werden die sie Opfer des brutalen Terroranachlags auf das Café Argana in Marrakesch. Siebzehn Menschen kamen ums Leben, wozu auch alle drei Freunde der lebensfrohen Allegra gehörten.

Auch bei schlechtem Wetter kommen die Ohrringe zur Geltung.
Auch bei schlechtem Wetter kommen die Ohrringe zur Geltung. © Solothurner Filmtage

Zurück in der Schweiz muss Allegra in die Physiotherapie. Sie hat Verletzungen erlitten, deren Narben sie noch lange an diesen furchtbaren Tag erinnern werden. Nicht nur äusserlich ist Allegra verletzt, denn sie hat mit einem grossen Trauma zu kämpfen. Zum einen vermisst sie ihre Freunde und trägt eine unendlich tiefe Trauer in sich, zum anderen spürt sie eine unbändige Wut auf die islamistischen Extremisten, welche das Attentat verübten. So entstehen plötzlich Vorurteile gegenüber muslimische Immigranten.

Atlas eröffnete die 56. Solothurner Filmtage und zeigt eindrücklich, dass der Schweizer Film nicht nur aus Heidi und Zwingli besteht, sondern auch komplexes, menschliches Kino zu bieten hat. Gerade deshalb reisst einen das Cameo eines bekannten Gesichtes in einer Szene etwas aus dem bildgewaltigen Drama heraus. Der Tessiner Regisseur Castelli hat sein Publikum ansonsten aber fest im Griff und liefert nach einigen Startschwierigkeiten ein tolles Stück Kino ab, welches vor allem auch technisch beeindruckt. Das schwierige Thema der Traumabewältigung hat er realistisch und bewegend umgesetzt.

Atlas hat neben der starken Hauptdarstellerin Matilda De Angelis einen weiteren Star: Pietro Zuercher. Der Kameramann rückt das inhaltlich minimale Drama mit dramatischen Bilder ins rechte Licht und gibt ihm eine optische Identität, die fesselt und fasziniert. Zu Beginn verwirrt die Erzählstruktur mit Rückblenden und ohne Vorwissen über die eigentliche Handlung, könnte man sich etwas verloren fühlen. Hat man sich aber zurecht gefunden, trägt diese Entscheidung zur Emotionalität des Endes bei.

Obwohl die Freundschaft zwischen den vier Kletterern nur in wenigen Flashbacks definiert wird, spiegelt sich die Beziehung in Allegras Trauer wieder, weshalb Matilda De Angelis Darstellung der Schlüssel zu allem ist. Allegra verarbeitet ihr Trauma mit einer Mauer, die sie um sich baut und wirkt so unnahbar und kalt. Immer wieder brechen die Emotionen jedoch aus und diese komplexe Rolle meistert die junge Schauspielerin glänzend.

In einem Nebenstrang der Geschichte möchte Regisseur und Co-Autor Niccolò Castelli die Angst vor dem "Anderen" untersuchen. Die weltoffene Allegra sieht arabisch aussehende Männer plötzlich aus einem anderen Blickwinkel und eine gewisse Angst und Schuldzuweisung entwickelt sich gegenüber dem von Helmi Dridi gespielten Musiker Arad, den sie heimöich verfolgt. Diese Beziehung gipfelt zwar in einer der besten Szenen des Filmes, als Allegra Arads Konzert besucht, bleibt ansonsten aber zu oberflächlich. Hier wären in diesem bewusst wortkargen Film einige Dialoge und Konfrontationen zwischen den Figuren hilfreich gewesen, um das Thema Vorurteile und Angst vor Fremdem genauer zu beleuchten.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Italienisch, mit deutschen Untertitel, 01:37