Antlers (2021)

Antlers (2021)

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  3. 99 Minuten

Filmkritik: Der Wendigo macht niemand froh

Disney+
Wenn Blicke töten könnten …
Wenn Blicke töten könnten … © Fox Searchlight Pictures

Julia Meadows (Keri Russell) kehrt nach zwanzig Jahren in die Kleinstadt im Bundesstaat Oregon zurück, in der sie zusammen mit ihrem Bruder Paul (Jesse Plemons) aufgewachsen ist. Dieser, nun Sheriff in der Stadt, kann seine Freude jedoch nicht wirklich zeigen. Obwohl Julia vorübergehend bei ihm wohnt, bleibt das Verhältnis der beiden Geschwister kühl. Julia arbeitet als Lehrerin an der örtlichen Schule. Dort fällt ihr Lucas (Jeremy T. Thomas) auf, ein introvertierter und verängstigter Junge.

«Das soll der Weinkeller sein?»
«Das soll der Weinkeller sein?» © Fox Searchlight Pictures

Schnell wird ihr klar, dass Lucas etwas bedrückt. Anhand von erschreckenden Zeichnungen hat sie den Verdacht, dass Lucas private Probleme hat. Die Schulleitung zeigt sich diesbezüglich anfangs uninteressiert. Derweil steht der Sheriff vor einem grossen Rätsel: In letzter Zeit werden grausam zugerichtete Menschen aufgefunden, die auf die Tat eines wilden Tieres hinweisen. Die Ermittlungen verlaufen sich im Nirgendwo. Julia bleibt hartnäckig und will herausfinden, welche familiären Probleme Lucas bedrücken. Schon bald hegt sie den Verdacht, dass die Todesfälle damit im direkten Zusammenhang stehen.

Ziemlich düster und verworren, etwa so könnte man Antlers zusammenfassend betrachten. Denn trotz bekannter Prämisse ist dem Zuschauer nicht immer klar, worauf der Monsterfilm genau abzielt. Indianische Folklore vermischt mit gesellschaftskritischen Themen und einem klitzekleinen Schuss Creature Horror verpuffen zu einem doch eher enttäuschenden Resultat. Schade, denn Keri Russell als Progagonistin in einem Horrorfilm wäre die perfekte Ausgangslage für einen Hit gewesen.

Genau drei Jahre dauerte es, bis Antlers nach Abschluss der Produktion endlich veröffentlicht wurde. Fans und Kritiker warteten bereits nägelkauend, ganze Gruppen diskutierten online und schürten die Vorfreude auf den Horrorfilm. Regisseur Scott Cooper (Black Mass) geriet dabei fast in den Hintergrund, denn mit Genre-Guru Guillermo del Toro als Produzent war für die Fan-Community klar, dass Antlers alles andere als herkömmlich werden würde.

Herkömmlich ist Antlers definitiv nicht, aber eben auch nicht überraschend anders. Trotzdem funktionieren die bekannten Genre-Elemente: Das düstere Setting im verregneten Oregon, welches durch eine brillante Kinematografie erzeugt wird, zieht sofort in den Bann. Und Keri Russell verkörpert die Protagonistin Julia mit viel Feingefühl und einer nicht übertrieben in Szene gesetzten Authentizität. Der Plot, die Kamerafahrten, der Soundtrack: Alles in Antlers bewegt sich mit der nötigen Geschwindigkeit. Ein typischer Slow-Burner, dessen Exposition sozusagen über die Hälfte des Filmes hinausläuft.

Und das ist nicht einmal das Problem. Obschon Antlers es schafft, die Stimmung bis zum Schluss zu halten, ist schnell erkennbar, dass dem Drehbuch der Fokus fehlt. Indianische Folklore fungiert als grosses Überthema, wird aber nur rein visuell durch das Monsterdesign und die Tatsache, dass wir es hier mit einer Art Wendigo zu tun haben, angeteast. Wofür sich der Wendigo an uns Menschen rächen will, erklärt Antlers nicht. Selbst der grundlegende Familienkonflikt zwischen Lucas, seinem Bruder und seinem Vater, verwässert zu schnell. Darüber hinaus wirkt die Hintergrundstory von Julia und ihrem Sheriff-Bruder dermassen plakativ platziert, dass es scheint, als solle sie bloss die Stimmung düsterer machen, denn sie wird in keiner Form aufgelöst.

So ereilt Antlers leider ein ähnliches Schicksal, wie so viele andere Genre-Verwandte auch. Der Monsterfilm ist zwar ein netter Versuch, wirkt stimmig und hochstehend produziert, verliert sich aber im Fokus und weiss schlussendlich nicht genau, welche Story er überhaupt erzählen soll. Das muss nicht per se schlecht sein, aber enttäuschen tut es das Fanherz trotzdem. Immerhin, dass Scott Cooper sein Werk beherrscht, hat er uns mit Black Mass mehr als deutlich bewiesen.

Christian Wolf [woc]

Christian arbeitet seit 2009 als Freelancer bei OutNow. Er mag ultradüstere Filmperlen und süffige Survival Horror Games. Animationsfilme sind ihm ein Gräuel. Christian vertritt als Einziger den smoothen Berner Dialekt im Team.

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