Annette (2021)

Annette (2021)

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  3. 139 Minuten

Filmkritik: Holy Oper

74e Festival de Cannes 2021
Neuste Coronamassnahme: Helmpflicht beim Küssen.
Neuste Coronamassnahme: Helmpflicht beim Küssen. © Filmcoopi

Sie sind das Promi-Paar schlechthin: der zynische Comedian Henry (Adam Driver), der in seinen provokativen Bühnenprogrammen gerne mal das Publikum beschimpft oder ein Fake-Attentat auf sich inszeniert; und die Opernsängerin Ann (Marion Cotillard), die Abend für Abend auf der Bühne vor ausverkauftem Haus den herzzerreissenden Tod ihrer Bühnenfigur spielt. Die beiden Künstler lieben sich leidenschaftlich, eng begleitet von der Klatschpresse, die auch bald schon die Hochzeit und die Geburt der gemeinsamen Tochter Annette vermeldet.

The Big Band Theory
The Big Band Theory © Filmcoopi

Das Familienglück könnte perfekt sein. Doch ziehen dunkle Wolken auf in der Beziehung. So beschuldigen Ex-Geliebte Henry öffentlich, ihnen gegenüber gewalttätig gewesen zu sein. Zudem geht seine Karriere langsam den Bach ab, während Ann immer erfolgreicher und berühmter wird. Dies erfüllt Henry mit Eifersucht. Dass Anns Komponist und Orchester-Dirigent (Simon Helberg), der seit Jahren in sie verliebt ist, um sie herumschwarwenzelt, macht die Sache auch nicht besser. Droht die Promi-Ehe spektakulär zu scheitern wie so viele Promi-Ehen zuvor?

Wenn sich ein Indie-Regisseur und eine Indie-Band zusammentun, dann entsteht - Annette. Leon Carax' Zusammenarbeit mit den Sparks ist eine bunte Achterbahnfahrt, die sich zwar teilweise selbst ausbremst, aber immer wieder aufs neue beschleunigt und dem Publikum grossartige audiovisuelle Erlebnisse beschert. Carax' Gespür für die grosse Geste ergänzt sich dabei hervorragend mit der musikalischen Finesse der Mael-Brüder. Auch wenn sich das «etwas andere» Musical gegen Ende arg in die Länge zieht, ist es doch über grosse Strecken eines: grosses Kino.

Dass Leos Carax mit etablierten Popmusikern zusammenarbeitet, ist keine Premiere: So hat bereits für Holy Motors der Songwriter Neil Hannon den Titelsong beigesteuert. Das Resultat überzeugte. Nun geht der Regisseur einen Schritt weiter. In seinem neuen Film stammt nicht nur die gesamte Musik, sondern auch das Drehbuch von den Sparks alias Ron und Russell Mael; der Band, der Edgar Wright in seinem hervorragenden Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt hat. Mit Annette setzen die Brüder ihre eigene filmische Vision um - nachdem dieses Vorhaben zuvor schon zweimal mit anderen Regisseuren (Jacques Tati und Tim Burton) gescheitert ist.

Das Resultat ist emotional und ausufernd und erinnert nicht nur wegen Marion Cotillards Titelfigur zeitweise an eine Oper. Fast zweienhalb Stunden lang singen sich Adam Driver, Marion Cotillard und Big Bang Theory-Star Simon Helberg die Seelen aus dem Leib. Vor allem Driver nutzt dabei die Plattform, um sein gesamtes schauspielerisches und sängerisches Repertoire abzuspielen. Cotillards Part ist etwas undankbarer, musste sie ihre Stimme doch zumindest für die Opern-Einlagen doubeln lassen - ansonsten singen die Schauspieler grösstenteils selbst. Bemerkenswert ist dabei auch Helberg, der es hier souverän schafft, aus dem langen Schatten seiner leicht dämlichen Sitcom-Rolle herauszutreten.

Heimliche Stars des Films sind aber die Brüder Mael, die nicht nur zusammen mit dem Ensemble den fetzigen Intro-Song «So May We Start» zum besten geben, sondern auch zwischendurch immer wiedermal ihre Kurzauftritte haben. Und ihre Musik ist schlicht bombastisch gut. Freilich ist Annette nicht einfach ein klassisches Mitwipp-Musical. So werden Songs angespielt, aber nicht zu Ende gesungen, andere Einlagen sind dagegen etwas zäh und lang geraten.

Und da kommt wieder Regisseur Carax ins Spiel. Nicht nur tauchen Holy Motors-Elemente auf; auch erinnert der Film in seiner Opulenz immer wieder an seinen Klassiker Les amants du Pont-Neuf. Mit der fragmentierten Erzählweise und der beinahe schon überbordenden Emotionalität sind zudem auch Parallelen auszumachen zu den jüngeren Filmen von Terrence Malick. Mit dem Unterschied, dass hier der Gesang die Rolle der Off-Sprecher einnimmt und die Handlung nicht so sehr ins Leere abdriftet wie bei dem amerikanischen Regisseur.

Der Humor, für den Sparks-Fans die Band lieben, blitzt immer wieder auf, ist aber nicht zentrales Element des Filmes, der immer wieder über die Genregrenzen hinaus grast. So sind sogar Elemente des Gruselfilms auszumachen. Beispielsweise verkörpert eine Puppe die titelgebende Tochter, und die muss sich in Sachen Creepiness nicht hinter Vorbildern wie Chucky verstecken. Eine zunächst bizarre Idee, auch wenn im Lauf des Films klar wird, warum sich die Macher dafür entschieden haben. Mit ihren vielen Einfällen fordern sie dem Publikum Geduld ab, belohnen es aber auch immer wieder reichlich. Ein paar Einzelszenen sind nämlich schlicht magisch. Und für solche Momente gehen wir letztendlich ins Kino.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Jetzt auf Grossleinwand!

Der Film läuft aktuell an folgenden Tagen in den Schweizer Kinos:

Ausserdem kannst du ihn Openair sehen, das nächste Mal am 9. August 2021.

Trailer Englisch, mit französischen Untertitel, 01:45