Animal (2021/I)

Animal (2021/I)

Das Tier
  1. 120 Minuten

Filmkritik: Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück

Wer ist hier der Hasenfuss?
Wer ist hier der Hasenfuss? © CAPA STUDIO - BRIGHT BRIGHT BRIGHT - UGC IMAGES - ORANGE STUDIO - FRANCE 2 CINÉMA - 2021

Bella Lack ist verzweifelt. Die 16-jährige Britin, wohlbehütet aufgewachsen in England, entdeckte früh, dass die Welt nicht so schön ist, wie sie ihr gemeinhin gezeigt wird. Brutales Schlachten der Tiere, schrankenlose Verschmutzung und schonungslose Zerstörung unseres Planeten rütteln sie auf, treiben sie auf die Strasse, bringen sie dazu, Vorträge zu halten. Und sie ist überzeugt: «Diese Verantwortung müssten wir Kinder eigentlich nicht tragen.»

Sag doch mal einer Van Gogh Bescheid!
Sag doch mal einer Van Gogh Bescheid! © CAPA STUDIO - BRIGHT BRIGHT BRIGHT - UGC IMAGES - ORANGE STUDIO - FRANCE 2 CINÉMA - 2021

Ihrem männliches Pendant aus Paris, Vipulan Puvaneswaran, ergeht es ähnlich. Auch er führt, wenn er nicht gerade Mathehausaufgaben lösen muss, Demonstrationen der sogenannten Klimajugend an. Auf die beiden vegan lebenden Kinder wurde Regisseur Cyril Dion aufmerksam und lud sie auf eine gemeinsame Reise durch die Welt ein, um die Wurzeln des Übels und mögliche Lösungen zu finden. Diese führt das Trio auf direktem Weg zur Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Tier - und es wird dabei auf eine harte Geduldsprobe gestellt.

Zwei aufrichtige Teenies reisen an Orte des Grauens und der Hoffnung. Ihr unbestechlicher Blick bringt zwar nichts Neues an den Tag, dringt aber direkt zum philosophischen Kern der Umwelt-Problematik vor. Die Dokumentation gibt ein gutes Bild davon ab, wie sich die Fridays-For-Future-Generation fühlt, sucht abseits der Demonstrationen nach Wegen, um in deren Sinne etwas zu bewirken, und spendet auf einer emotional mitnehmenden Reise um die Welt Zuversicht.

«Die Veganer, das sind die schlimmsten von allen!», wäffelet lautstark eine Seniorin, als sie im Zugabteil hinter mir durchs Tösstal gen Winterthur gondelt. Die 15-minütige Schimpftirade, in der sie sich zusammen mit ihrer etwas jüngeren Mitfahrerin über die «Chrüütlipicker, die alle Pflanzen wegessen» in Rage geredet hat, gipfelt in dieser zwar nicht fundierten, aber für die beiden Damen offensichtlich zufriedenstellenden Einsicht. Mir schiessen Eindrücke der Dokumentation Animal durch den Kopf, sehe wieder die ratlosen Gesichter der beiden sich vegan ernährenden Protagonisten vor mir, denke an ihre reflektierten, pointiert formulierten Gedanken, ihre tiefsten Sorgen - und spüre, wie sich Unbehagen in mir breitmacht.

Vom Unbehagen getrieben ist zurzeit auch eine ganze Generation, die mit verzweifelten Appellen die Erde auch in Zukunft bewohnbar zu halten versucht. Eine davon ist Bella, die mit ihrem Herzen voller Liebe für alle Lebewesen an den Menschen verzweifelt. Sie ist die Leidensfrau in diesem Film, während ihr Gesinnungsgenosse Vipulan eher den Optimisten verkörpert. Beide stellen grundsätzliche Fragen und formulieren scharfsinnige Beobachtungen - auch an sich selber. Als sie auf ihren Flug warten, schauen sie zu Boden und sagen, dass sie sich wie Heuchler fühlen. Schonungslos hängen sie an: «Aber unser System macht uns zu Heuchlern.»

Schonungslos sind auch die Bilder. Es werden Orte des Grauens aufgesucht und die Menschen und Tiere, die darunter zu leiden haben. Masslose Verschmutzung, massloser Lobbyismus, massloser Fleischkonsum, masslose Zerstörung von natürlichen Ressourcen, masslose Vernichtung von Spezies: Viele Aspekte sind zwar bekannt, doch der Film bringt sie alle auf einen philosophischen Nenner. Und er sensibilisiert für das Problem des Systemischen: Vermeintliche Täter können sich mitunter als Opfer erweisen, da sie in einem kafkaesken Apparat stecken, dem nicht nur sie schutzlos ausgeliefert sind.

Angesichts dieses Systems macht sich eine Ohnmacht breit, die der Film vor allem in seinem zweiten Teil damit auffängt, indem er sanftere Töne anschlägt und Lösungsansätze aufzeigt, die sowohl im Kleinen als auch im Grossen funktionieren. Ein Hauch The Biggest Little Farm weht durch die Szene und allmählich verflechten sich die vielen Eindrücke, die auf die Kernbotschaft des Films hinauslaufen, primär eine Veränderung dessen zu erstreben, wie wir Welt sehen, dass wir uns eingebunden fühlen und dass wir mit ihr wieder in eine lebendige Verbindung treten.

Ziemlich all das scheint der Frau im Zug abhandengekommen zu sein, die nun grimmig das Perron entlang stapft. Da überkommt mich doch noch der Friede, dass das wünschenswerte Aussterben einer gewissen Geisteshaltung mit viel Liebe und Achtung gegenüber dem Leben herbeigeführt werden kann - und wenn nicht, bleibt es wohl auch nur eine Frage der Zeit.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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