All These Sons (2021)

All These Sons (2021)

  1. 88 Minuten

Filmkritik: Ich erst Dir, bevor Du mir

17. Zurich Film Festival 2021
Nicht alle haben das Herz am rechten Fleck.
Nicht alle haben das Herz am rechten Fleck. © Courtesy of Concordia Studio

Im Mittelpunkt der Doku steht eine Gruppe Jugendlicher aus Chicagos Problemvierteln, der South Side und der West Side. In Chicago gibt es das MAFAA-Projekt, das die jungen Männer davor schützen soll, erschossen zu werden oder selbst in die Kriminalität abzurutschen. Viele von ihnen wurden schon mindestens einmal angeschossen; die meisten von ihnen haben schon Haftstrafen verbüsst.

Einer von ihnen ist Zay Manning, ein verurteilter Mörder, der seine Strafe verbüsst hat. Dass das ein individuelles Problem ist, davon kann nicht die Rede sein, denn die Geschichten der Männer gleichen sich. Sie erzählen von der schieren Aussichtslosigkeit, wenn sie im falschen Viertel, in der falschen Stadt geboren werden. Die meisten von ihnen sind sich seit ihrer Kindheit sicher, dass sie entweder Drogendealer, Mörder oder Dieb werden. Und vor allem im Zweifelsfall lieber zuerst den anderen erschiessen, bevor sie ihm die Gelegenheit dazu geben, abzudrücken.

Zu Beginn von All These Sons erfährt man vieles über die Kriminalität in Chicago, wo mehr Morrde passieren als in New York und Los Angeles zusammen. Fünf Millionen Dollar pro Tag kostet die Chicagoer Polizei. Danach werden Protagonisten im Eiltempo abgefrühstückt, dass man kaum folgen kann, geschweige denn Zeit findet, das Gehörte einzuordnen. Vielleicht ist genau das die Stärke des Films, dass die Doku in einem enormen Tempo voranschreitet. Das Resultat ist ein sehr eindrückliches Porträt, das die Zuschauer mit einem Gefühl zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit zurücklässt.

Joshua Altman und Bing Liu ist mit All These Sons eine sehr eindrückliche und stellenweise auch berührende Dokumentation gelungen. Die Protagonisten nehmen kein Blatt vor den Mund und erzählen teilweise unglaubliche Szenen. Sie scheuen sich auch nicht, ihre Ausweglosigkeit zu beschreiben. Dieser ständige Wechsel zwischen dem Bemühen der diversen Coaches, sei es für Englisch, Literatur oder Mathematik, und den Beschreibungen der Jugendlichen fesselt von Anfang bis Ende.

Die beiden Regisseure weisen noch keine grosse Erfahrung in der Regiearbeit auf. Immerhin hat Bing Liu bei seinem Regiedebüt Minding the Gap im Bereich Dokumentarfilme bereits eine Oscar-Nominierung eingeheimst. Spannend, wie sie zeigen, wie die Jugendlichen, obwohl alle über einen sehr ähnlichen Background verfügen, bei Tests über ihre moralischen Vorstellungen teilweise eine völlig konträre Meinung haben. Eindrücklich auch die Erkenntnis, dass die meisten von ihnen noch nie aus ihrem eigenen Viertel hinausgekommen sind.

Obwohl sehr viele Daten und Einzelschicksale auf die Zuschauer einprasseln, sollte man sich diese Dokumentation anschauen. Sie zeigt sehr schön, was Gemeinschaft und menschliche Beziehungen verändern können. Ob das in Chicagos Problemvierteln allerdings dieselbe Wirkung hat, oder ob die anscheinend nie enden wollende Gewaltspirale sich immer weiterdreht, darauf fehlen den Machern nachvollziehbar die Antworten.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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