Ahed's Knee - Ha'Berech (2021)

  1. , ,
  2. 109 Minuten

Filmkritik: Frustriert im Niemandsland

74e Festival de Cannes 2021
«Willst du mich heiraten?»
«Willst du mich heiraten?» © lesfilmsdubal

Der israelische Regisseur Y (Avshalom Pollak) arbeitet an einem neuen Film, der sich um die palästinensische Aktivistin Ahed Tamimi drehen soll. Diese hat unter anderem einen israelischen Soldaten geschlagen und ist dafür im Gefängnis gelandet. Wirklich vorwärts kommen will dieses Filmprojekt jedoch nicht. Da ist es gut, dass Y in die Steinwüste Arava eingeladen wird, wo er einen seiner alten Filme zeigen und danach für ein Q&A dem Publikum Rede und Antwort stehen soll.

«Shit, sie hat nein gesagt.»
«Shit, sie hat nein gesagt.» © lesfilmsdubal

Eingeladen wurde er von Yahalom (Nur Fibak), die für das israelische Kulturministerium arbeitet. Zu Ys Überraschung entpuppt sich diese nicht als alte griesgrämige Beamtin, sondern als junge intelligente Frau. Dass Yahalom jedoch für den Staat arbeitet, passt Y überhaupt gar nicht, und schon bald lässt der Regisseur seinen ganzen Frust über die Kulturpolitik des Landes sowie über die Regierung allgemein heraus. Mit seiner Einstellung macht er sich dabei in Arava aber nicht viele Freunde.

Nadav Lapids Nachfolgewerk zu seinem an der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film Synonymes ist eine Abrechnung mit Israel. Seine Kritik ist jedoch mit der Figur eines frustrierten Regisseurs viel zu simpel vorgetragen. Erst gegen Ende hin kommt noch so etwas wie Spannung auf, in dem mit Taten das unterstrichen wird, was vorher gepredigt und kritisiert worden ist. Wirklich schade, dass der Film zuvor so viel unnötige Spielzeit verplempert.

Der israelische Regisseur Nadav Lapid scheint putzhässig zu sein. Auf diesen Schluss kommt man, wenn man sich seinen neusten Film Ahed's Knee ansieht. Denn die Hauptfigur ist ein tobender Regisseur, der, wie es in der Mitte mal heisst, mit einem seiner Filme in Berlin gewonnen hat. Lapids Vorgänger zu diesem Film mit dem Titel Synonymes hat 2019 tatsächlich auf der Berlinale triumphiert. So wird der Schauspieler Avshalom Pollak das Sprachrohr für den Regisseur hinter der Kamera. Doch die hier gezeigte Abrechnung mit der israelischen Kulturpolitik und der Regierung allgemein wäre als Meinungsartikel in einer Zeitung viel besser aufgehoben.

Denn der Film eiert einfach viel zu lange herum. Wir sehen immer wieder Szenen, in denen der von Pollak gespielte Regisseur im israelischen Nowhere herumwandert, wobei die Kamera für kurze Momente auch jeweils in alle möglichen Himmelrichtungen zeigt. Wie sich diese Figur dann jeweils in Rage redet, ist nicht uninteressant zuzuhören, doch als Film ist dies deutlich zu wenig, um die Zuschauer fast zwei Stunden bei der Stange zu halten.

Erst gegen Ende hin wird es dann noch spannend. Ein mit einem Smartphone aufgenommenes Video droht eine Existenz zu zerstören und zeigt so anschaulich, wie viel Macht die Regierung hat und dass Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. Wieso dieser Teil erst in der letzten halben Stunde und nicht schon zu Beginn oder in der Mitte des Filmes etabliert wird, dürfte das Geheimnis von Lapid bleiben. Denn im Finish ist das Potenzial für einen packenden Film vorhanden, der anschaulich das aufzeigt, was vorhin in Worten immer wieder kritisiert worden ist. Um die Zuschauer so am Ende mit diesem Film zu versöhnen, ist dies jedoch viel zu spät.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd